Russland und der Westen – über Rüstungskontrolle wieder im Gespräch?

©Adobe Stock Ein Soldat läuft auf der ukrainischen Seite der Frontlinie im Donbass nahe Marïnka entlang.
Ein Soldat läuft auf der ukrainischen Seite der Frontlinie im Donbass nahe Marïnka entlang. ©Adobe Stock

Mancher sieht die Welt schon in einem neuen Kalten Krieg – so schlecht ist es seit mehr als vier Jahren um die Beziehungen Europas und der USA zu Russland bestellt. Das Land mit den weltweit viertgrößten Militärausgaben hatte 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und schürt bis heute den militärischen Konflikt im Donbass – offenbar auch mit eigenen Kämpfern.

Aus Protest stellte der Westen damals die Kommunikation weitgehend ein: Russland  wurde aus der G8 – der Gruppe der Acht – ausgeschlossen, die EU und Russland belegten ihre Gesandten mit wechselseitigen Einreisesperren, der NATO-Russland-Rat tagte zwei Jahre lang nicht. Ein Fehler, meint Wolfgang Zellner, der Leiter des Zentrums für OSZE-Forschung am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik:

„Das Falsche war, dass gerade in einer Krise der NATO-Russland-Rat abgeschaltet wurde. In guten Zeiten ist es leicht, so etwas laufen zu lassen. Dann sind alle happy und du kannst Arbeitsgruppen machen, solange du willst. Aber gerade in den schlechten Zeiten braucht man das. Gerade in den schlechten Zeiten muss man reden.“

Denn die Eiszeit mit Russland hat für Europa weitreichende Folgen: Wechselseitige militärische Drohgebärden ersetzen weitgehend die Diplomatie. Die NATO hat zur Abschreckung Russlands Truppen in ihre östlichen Mitgliedsstaaten verlegt. Schweden und Finnland haben vergangenes Jahr mit „Aurora 17“ ihr größtes Militärmanöver seit dem Ende des Kalten Krieges durchgeführt. Zur gleichen Zeit fand in Russland und dem verbündeten Weißrussland das Manöver „Sapad“ statt. Offiziell waren daran 12.700 Soldaten beteiligt – doch nicht nur Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hielt die angegebene Zahl über die eingesetzten Truppen für viel zu niedrig. Der gegenseitige Vertrauensverlust zwischen Moskau und dem Westen wird von Jahr zu Jahr größer.

„Tiefpunkt erreicht“, von nun an aufwärts?

Dem will das OSCE Network etwas entgegensetzen: Das Netzwerk umfasst Think Tanks und wissenschaftliche Institute aus 41 Nationen, die in gemeinsamen Forschungsprojekten Ansätze zur Sicherheitspolitik im OSZE-Raum entwickeln wollen. Das Zentrum für OSZE-Forschung am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik hat im Juli Mitglieder des Netzwerks zu einem Workshop eingeladen.

Zwei Tage lang diskutierten Wissenschaftler Ansätze zur Konventionellen Rüstungskontrolle. Experten aus Deutschland, den USA, der Schweiz, Russland, Polen und Lettland saßen gemeinsam am Tisch. Ein nicht unbedeutender Schritt angesichts der verfahrenen Lage, meint der lettische Oberst Igors Rajevs vom Latvian Institute for International Affairs: „Der Inhalt ist in diesem Fall zweitrangig. Sie sind hier und bereit, die Situation zu besprechen und Wege zu diskutieren, die Sicherheit und Kooperation in Europa zu verbessern – die baltischen Staaten eingeschlossen. Das ist schon ein guter Schritt, weil wir solche Diskussionen in den letzten Jahren nicht hatten“, sagt er. „Ich hoffe, wir haben den Tiefpunkt erreicht und werden uns jetzt aufwärts bewegen.“

Auch der russische Analyst Oleg Shakirov vom Moskauer PIR-Zentr hält die Konferenz in der Hansestadt für wichtig. „Die Leute bekommen Feedback zu ihren wissenschaftlichen Arbeiten und wir verstehen die Komplexität konventioneller Rüstungskontrolle vielleicht besser. Heute haben wir über Waffensysteme diskutiert. Ich hoffe, ich werde auch so konstruktive Kritik erhalten wie die anderen Teilnehmer“, sagt er.

Neue Bedrohungen statt militärischem Großangriff

Zwar hat die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der 57 Staaten angehören, seit ihrer Gründung stark an Einflusskraft verloren. Der russischen Regierung gilt sie schon seit längerem als westlich dominierte Organisation, die Russland auf allen Ebenen marginalisieren will. Doch in der Ukraine-Krise tritt  sie als glaubwürdiges Vermittlerorgan auf – davon zeugt nicht zuletzt die OSZE-Beobachtermission im Donbass.

Auf der Konferenz des OSCE Network in Hamburg steht die Konventionelle Rüstungskontrolle im Vordergrund. Aber ist sie in Zeiten von hybrider Kriegsführung und immer umfassenderen Cyber-Operationen überhaupt noch relevant?

Wolfgang Zellner, der Direktor des Zentrums für OSZE-Forschung, hat da keine Zweifel: „Das ist schon relevant, nur die Aufgaben haben sich geändert. Zu Zeiten des Kalten Krieges hatten wir zwei große Militärbündnisse gegenüberstehen, Millionen von Soldaten, Zehntausende und Hunderttausende von gepanzerten Fahrzeugen. Das ist heute nicht mehr die Lage. Der große militärische Angriff mit einer Dimension über ganz Europa ist nicht mehr die Frage. Aber wir haben immer noch natürlich diese kleinen Angriffe: Im Baltikum gibt es Bedrohungsperzeptionen, wir haben einen – muss man sagen – stationären Krieg in der Ostukraine. Im Kern geht es immer noch um Kriegsführung zwischen Staaten beziehungsweise staatlich unterstützten Gruppierungen.“

Der russische Politikwissenschaftler Andrej Sagorski vom Moskauer Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen sieht ebenfalls Chancen für die Konventionelle Rüstungskontrolle – „insbesondere, weil es seit einiger Zeit insbesondere vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise Befürchtungen gibt – aufseiten von vielen Staaten -, dass es auch auf konventioneller Ebene ein Problem geben kann“, sagt er. „Und in erster Linie sind das grenzübergreifende eventuelle Offensivoperationen, die auf allen Seiten vermutet werden, entlang der Kontaktlinie zwischen Russland und der NATO. Und um diese Instabilitäten mindestens in Analysen in den Griff zu bekommen, ist es wichtig, die bestehenden – noch bestehenden – Instrumente zu verbessern.“

Viel ist nicht geblieben von den Übereinkünften, die die Beziehung zwischen Russland und die westlichen Staaten regeln sollen: Der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa ist mit dem Austritt Russlands im Jahr 2015 nur noch eine leere Hülle. Beide Seiten werfen sich gegenseitig immer wieder vor, den Vertrag über den Offenen Himmel und das Wiener Dokument zu verletzen. Beide Vereinbarungen sollen für mehr Transparenz sorgen.

Viel ist von alten Übereinkünften nicht übrig. Wo anfangen?

Die derzeit einzige Perspektive ist der von Deutschland 2016 angeregte „Strukturierte Dialog“, zu dem sich alle OSZE-Staaten bei der Konferenz in Wien im vergangenen Jahr bekannt haben. Er sieht Vertrauensbildung durch informelle Kontakte vor. Doch wo anfangen?

Am dringlichsten sei mehr Transparenz, meint Wolfgang Zellner. „Vor allem Vorkehrungen, damit keine militärischen Zwischenfälle und Unfälle passieren im Zuge der ja ganz erheblich wieder gesteigerten militärischen Übungstätigkeit – zu Lande, zu Luft und auch zur See. Da hat man in den letzten ein, zwei Jahren ganz erhebliche Fortschritte erzielt, die allerdings kaum an die Öffentlichkeit gekommen sind.“

Mit Fortschritten sind vor allem die wiederaufgenommenen Kontakte zwischen den Militärs gemeint. Wieder ins Gespräch kommen, am besten hinter den Kulissen – das ist das wichtigste Ziel, um eine weitere Aufrüstung aufzuhalten.

Zumindest im Rahmen des Workshops der Konfliktforscher scheint das gut zu funktionieren. Der Ton der Debatten sei unaufgeregt, meint Oleg Shakirov vom Moskauer PIR-Zentr: „Es haben sich Experten versammelt, die diese Fragen aus einem sehr technischen, praktischen Blickwinkel sehen. Etwa so: ‚Ich habe folgenden Ansatz: Wenn der politische Wille da ist, sich zu einigen, dann könnte man Folgendes vereinbaren‘ – und dann zählt man auf, welche Möglichkeiten es gibt.“

Potenzielle Konfliktregion: das Baltikum

Immer wieder taucht das Baltikum als potenzielle Konfliktregion in den Gesprächen auf – häufiger noch als die Ostukraine, in der militärische Auseinandersetzungen schon seit vier Jahren Realität sind. Mehr als 10.000 Menschen sind dort bislang ums Leben gekommen. Der Konflikt hat die Eiszeit zwischen Russland und dem Westen erst ausgelöst – und wenn es um die Frage geht, wie beide aus der verfahrenen Lage wieder herauskommen, wird es doch wieder politisch – wie wenn Andrej Sagorski die russische Sicht auf die Lage beschreibt:

„In Moskau würde keiner erwarten, dass die westlichen Staaten den Anschluss der Krim de jure anerkennen würden. Ich nehme an, dass alle realistisch denkenden Politiker im Westen nicht davon ausgehen würden, dass Putin die Krim zurückgibt. Das heißt, wir müssen die Sache für eine Zeit lang beiseite schieben, ausklammern aus Gesprächen. Es kommt bei den Ukrainegesprächen vor allem auf die Umsetzung der Minsk-Absprachen zu einer Regelung im Osten der Ukraine an.“

Den Vorschlag, die russische Annexion der Krim als „dauerhaftes Provisorium“ hinzunehmen, hatte hierzulande die FDP eingebracht – und war damit auf Empörung gestoßen.

Doch das Aushalten solcher ungelöster Konflikte im Hintergrund, während man gleichzeitig in anderen Bereichen kooperiere, werde in einer multipolaren Welt immer entscheidender, meint Wolfgang Zellner: „Natürlich verurteilen wir das, was Russland da gemacht hat. Wir anerkennen die Annexion der Krim nicht. Wir sehen Russland hinter den Separatisten – woher sollen sie sonst ihre Munition haben. Wir sind aber gleichzeitig in einer Situation, wo wir trotz aller Differenzen mit Russland auch mit Russland verhandeln müssen und in bestimmten Gebieten auch kooperieren müssen.“

„Es wird nicht mehr einfach nur die puren Feinde geben und die puren Freunde, dieses einfache Schwarz-Weiß-Spiel. Sondern man wird auch mit jemandem kooperieren müssen, mit dem man auf der anderen Ebene ganz harte Auseinandersetzungen hat.“

Im November wollen die Teilnehmer der Konferenz aus dem OSCE Network ein weiteres Mal tagen – dann in Moskau. Ihr Ziel ist, dort ein gemeinsames Abschlussdokument vorzustellen. Es soll dann über die Webseiten der einzelnen Think Tanks verbreitet werden. Ersetzen können solche Konferenzen von Konfliktforschern die Gespräche auf politischer Ebene nicht – sie können aber Ideen und Ansätze entwickeln. Tauwetter zwischen Russland und dem Westen ist nicht in Sicht. Aber immerhin bleibt man miteinander im Gespräch – jedenfalls unter Akademikern.

Der Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Info in der Sendung „Streitkräfte und Strategien“.

Litauen auf dem Weg in die Militarisierung?

Was die Angst vor einem Überfall durch Russland mit der litauischen Gesellschaft macht

Ein Militärfahrzeug steht vor einem Supermarkt im litauischen Rukla, dem Standort der Bundeswehr im Baltikum. ©OST_РОВ

„Ich bin Lina Jeznienė, Offizierin in der litauischen Armee – so sehe ich mich selbst, und das zeigt auch meine Uniform. Ich wurde Offizierin, als ich die litauische Militärakademie abgeschlossen hatte…“

Selbstbewusst und stolz schallt die Stimme einer jungen Soldatin aus dem iPad, das die Besucher durch das Center for Civic Education in Litauens Hauptstadt Vilnius führt. Die Multimedia-Ausstellung soll die politische Bildung der Litauer fördern und ein positives Bild der Gesellschaft vermitteln. Dazu gehört, dass neben Künstlern und Sportlern auch eine Vertreterin der Armee erzählt, was es heute bedeutet, Bürger Litauens zu sein.

Seit 26 Jahren ist der kleine Staat im Baltikum unabhängig von der ehemaligen Sowjetunion, seit 2004 Mitglied in der EU und der NATO – und seit 2014 in höchster Alarmbereitschaft. Denn Litauens Nachbar Russland hat den Status Quo in Europa verändert, erklärt Doktor Hans-Georg Ehrhart, Leiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

„Mit dem russischen Eingreifen in der Ostukraine und mit der Annexion der Krim hat sich die Lage natürlich dramatisch verändert – aus Sicht der baltischen Staaten ganz bestimmt und auch Polens. Aber auch in Europa insgesamt, weil Russland damit sozusagen auch nach offizieller Diktion unserer Politik (und Politiker) den Grundkonsens aufgegeben hat und sozusagen einen Tabubruch begangen hat: Nämlich durch direkte und indirekte militärische Gewaltanwendung den Status Quo in Europa zu verändern.“

Viele Litauer fürchten: Wir sind die nächsten

Mit Schrecken haben die Litauer das russische Eingreifen in der Ukraine beobachtet, der sie sich durch die gemeinsame Vergangenheit verbunden fühlen. Und viele trieb die Sorge um: Wir sind die nächsten.

Die Angst, Russland könnte sich das Baltikum und die früheren Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen ebenso einverleiben wie Teile der Ukraine, führte zu einer regelrechten Panik, erinnert sich Petras Vasiliauskas, ein Student und Friedensaktivist aus Kaunas: „Die Hauptnachrichten waren immer über Russland, über Putin. Es ging soweit, dass sogar spekuliert wurde, wo Russland uns angreift, wie wir uns verteidigen, wo die NATO eingreifen würde und all diese Schemata…“, erinnert er sich. „Es hieß immer: Das wird sicher so passieren und wir müssen uns jetzt vorbereiten. Und nun ja… es war eine ziemliche Art der Hysterie.“

Seitdem hat Litauen im Eiltempo die Wehrpflicht wiedereingeführt, seine Militärausgaben angehoben und die Zivilgesellschaft mit Broschüren des Verteidigungsministeriums auf das richtige Verhalten im Angriffsfall eingeschworen.

Seit einem Jahr ist auch ein NATO-Kampfverband unter Führung der Bundeswehr in Litauen präsent: „Enhanced Forward Presence“, verstärkte Vornepräsenz, heißt diese „einsatzähnliche Verpflichtung“. Rund 1200 Soldaten aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Kroatien und Norwegen üben nun in Litauen die schnelle Einsatzbereitschaft der Infanterie.

Der NATO-Kommandeur in der Force Integration Unit, Oberst Jakob Larsen, ist beeindruckt: „Meine Laufbahn dauert schon 30 Jahre und ich habe gesehen, was die Litauer seit 2015 geschafft haben. Die Geschwindigkeit der Entscheidungen, nicht nur reden, sondern auch handeln, um ihre Verteidigung zu verbessern – davon war ich sehr beeindruckt.“

Litauer nahmen die NATO-Soldaten mit Freude auf

Die Soldaten der NATO seien in Litauen voller Freude und Stolz aufgenommen worden, erzählt Larsen. Das bestätigt auch der Kommunikationsdirektor des Bataillons, Oberstleutnant Philipp Moritz Graf: „Es ist beispielsweise so, dass, wenn wir uns auch in unseren deutschen Uniformen zeigen, durchweg positive Reaktionen sehen. Dass uns zugewunken wird, dass Leute den Daumen nach oben strecken und über alle Sprachbarrieren hinweg durchaus deutlich machen, dass die Präsenz Deutschlands und die Präsenz der übrigen Nationen, die Teil der deutsch geführten Battlegroup sind, hier durchaus geschätzt wird. Mit großer Mehrheit.“

Fragt man die Bewohner des Städtchens Rukla, in dem die Bundeswehr bei der Eliteeinheit „Eiserne Wölfe“ ihren Standort hat, nach den deutschen Soldaten, hört man tatsächlich nur Lobeshymnen. Wie vom Dorfbewohner Alexander, der selbst zu Sowjetzeiten in der Roten Armee Wehrdienst geleistet hat: „Wodka trinken sie keinen, sag ich gleich. Den Kindern helfen sie sehr. Von den Deutschen kommt viel Wohltätigkeit, das weiß ich. Da kann ich vieles erzählen.“

Vilma Praškevičienė aus dem Kulturzentrum Rukla schwärmt, wie die Bundeswehr geholfen hat, die Kinderstation einer Klinik im nahegelegenen Jonava auszustatten: „Sie haben Geld gesammelt, Spielsachen gesammelt… die deutschen Soldaten haben so geholfen mit diesen Sachen, sie haben was weiß ich alles gekauft.“

So viel Zuspruch ist für die Bundeswehrsoldaten ungewohnt

Sehr höflich seien die Deutschen, heißt es von vielen Seiten – und auch wenn sie in den örtlichen Bars ein paar Bier getrunken hätten, wüssten sie sich zu benehmen. Von so viel Zuspruch können die Bundeswehrsoldaten in Deutschland nur träumen, meint Oberstleutnant Graf.

„Man könnte es vielleicht mit dem Wort beschreiben: Freundliches Desinteresse, das uns in der Heimat manchmal entgegenschlägt“, meint er. Das ist „hier ein deutlich anderes Gefühl“, weil einfach das Grundinteresse für Politik und auch für Sicherheitspolitik hier durch alle Teile der Gesellschaft hindurch viel höher sei als in Deutschland.

Die Nähe zwischen Militär und Zivilgesellschaft in Litauen bestätigt auch Leutnant Kristina Klimienė von der litauischen Armee, die für die Kontakte mit den Gastnationen zuständig ist: „Wenn wir üben, kommen manchmal Zivilisten, bringen uns Tee und helfen. Das sind kleine, aber sehr freundliche Gesten der Zivilisten gegenüber dem Militär.“

Verflechtung von Militär und Bevölkerung

Doch die Verflechtung zwischen Militär und Bevölkerung geht noch weiter: Seit die Angst vor dem Einmarsch russischer Soldaten um sich greift, haben Schützenvereine und paramilitärische Gruppen wie die „Lietuvos šaulių sąjunga“, die litauische Schützenunion, regen Zulauf. Der staatlich unterstützte Verein zur Zivilverteidigung darf Waffen führen und bildet auch Elf- bis Siebzehnjährige in Ferienlagern aus. Wozu soll das gut sein?

„Das ist ein Versuch, die Gesellschaft wehrhaft zu machen. Das ist natürlich gleichzeitig ein Militarisierungsprozess in der Gesellschaft, der vielleicht das Sicherheitsgefühl erhöhen wird, aber nicht die objektive Sicherheit“, schätzt Hans-Georg Ehrhart vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

Solche Paramilitärs könnten Spannungen zu anderen Staaten sogar weiter anheizen. Denn auch auch die Gegenseite bilde ihre Bevölkerung entsprechend aus und schüre Ablehnung:

„Vertrauensbildung wieder zu beginnen wird immer schwerer, je weiter sich in einer Gesellschaft diese Militarisierung verfestigt und damit auch Feindbilder nicht abgebaut, sondern verstärkt werden.“

Patriot zu sein ist chic – und hat auch eine militärische Komponente

Bedenken, die der NATO-Kommandeur Jakob Larsen am liebsten zerstreut sehen möchte: Russland schaffe doch dieses Klima der Unsicherheit, die Absichten der NATO seien friedlich. Und die Litauer täten nur, was sie tun müssten: „Was sie tun ist: Ihre Verteidigung ernst nehmen. Und 95 bis 99 Prozent der Wehrpflichtigen, die sie einberufen, sind Freiwillige.“

Litauer, die diese Militärbegeisterung und Dämonisierung kritisch sehen, sind in der Minderheit. Petras Vasiliauskas, dem Studenten und Friedensaktivisten, gefallen die einfachen Schwarz-Weiß-Geschichten nicht. „Die Geschichte, die unser Staat jetzt erzählt, lautet natürlich: Die Russen haben uns besetzt und dann haben wir die Geschichte hindurch unter ihnen nur gelitten“, beschreibt er das gängige Narrativ. „Und dann ist da die NATO, eine westliche Macht und etwas, das uns Aufklärung, Fortschritt, Demokratie bringt.“

Als Litauens Regierung 2015 gerade die Wiedereinführung der Wehrpflicht per Gesetz vorbereitete, hat Vasiliauskas mit anderen Linksliberalen und Pazifisten einen Protest in der Hauptstadt Vilnius organisiert. Die Kundgebung zog gerade einmal 60 Teilnehmer an, dafür aber umso mehr Gegendemonstranten, die hinter Litauens Aufrüstung standen: „Eines der Schilder, das sie hatten, lautete: ‚Starke Armee = Demokratie!‘ Da dachten wir: Ok, ist das Nordkorea oder wie?“, sagt er und muss lachen. „Komische Ideen…“

Stärkeres Gemeinschaftsgefühl – zu einem hohen Preis

Nordkoreanische Verhältnisse herrschen in Litauen noch längst nicht – und auch mitnichten russische. Da sind sich Friedensforscher, NATO-Kommandeur und die meisten Litauer einig. Das Land hat eine funktionierende, stabile Demokratie und der gemeinsame Feind Russland hilft, die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Aber für eine europäische Gesellschaft reicht das auf Dauer nicht aus, meint Hans-Georg Ehrhart: „Das kann so ein Gemeinschaftsgefühl stärken und auch einen gewissen sozialen Druck in diese Richtung erzeugen: Dass man sozusagen dabei sein muss und sich auch entsprechend profilieren muss. Die Frage ist, wie lange so etwas anhalten kann. Denn wir gehen doch eigentlich davon aus, dass alle drei baltischen Staaten hochmodern sind. Vernetzte Gesellschaften, die im Grunde genommen auch offene Gesellschaften sind. Und da immer diesen – Abwehrmodus sozusagen – hochzuhalten, halte ich nicht dauerhaft für möglich und erst recht nicht für wünschenswert.“

Patriot zu sein und das Militär zu unterstützen ist in Litauen chic. Wer NATO, EU und Aufrüstung kritisch sieht, steht schnell im Verdacht, ein Handlanger Russlands zu sein.

Noch herrscht Frieden im Baltikum. Doch Sicherheitsexperten wie Hans-Georg Ehrhart beobachten die Lage dort mit Argwohn:

„Die Frage ist immer: Kann eine Eskalation, wenn sie einmal in Gang gesetzt worden ist, wieder gestoppt werden.“

Der Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Info in der Sendung „Streitkräfte und Strategien“.

Europas erster Cyberwar

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Der Bronzesoldat – Stein des Anstoßes für den ersten europäischen Cyberwar 2007. ©OST_РОВ

Wer sie nicht sucht, wird sie kaum zufällig finden: Die Statue, die in Estland den ersten Cyberwar Europas ausgelöst hat. Der Bronzesoldat, ein von den Sowjets geschaffenes Denkmal, steht heute auf einem alten Soldatenfriedhof in Tallinn. Aus der Ferne sind Vogelstimmen und der Lärm der angrenzenden Schnellstraße zu hören.

2007 hat die estnische Regierung den Soldaten, der an die Befreiung von den Nazis durch die Rote Armee erinnern soll, an den Stadtrand verbannt. Für viele russischstämmige Esten ein Zeichen, dass die sowjetische Vergangenheit immer weiter abgewertet wird – und sie, die Nachfahren ethnischer Russen, am besten aus der Geschichte Estlands verschwinden sollen. In Tallinn und im Osten des Landes kam es zu Unruhen.

Sille Laks, die damals einer freiwilligen Polizei-Hilfseinheit angehörte, erinnert sich:

„Wir verbrachten draußen einen schönen Abend. Und dann klingelt mein Telefon und der Kommandeur meiner Untereinheit fragt: ‚Also, bist du morgen dabei?‘ – Und ich fragte: ‚Wo dabei?‘ Das war nicht die Zeit, in der man Smartphones hatte und es war zwei Uhr morgens. Also haben wir das Radio angemacht und verstanden: Das wird eine lange Woche!“

Gehackte Seiten, Vandalismus und ein Toter

Explosionsartig bricht sich 2007 die aufgestaute Wut russischstämmiger Jugendlicher Bahn: Sie liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei, plündern Geschäfte, verletzen Dutzende Menschen. Einer der Randalierer stirbt. Die eigentliche Auseinandersetzung aber findet dann in einem ganz anderen Bereich statt – dort, wo bis dahin kaum jemand damit gerechnet hatte: dem Internet.

„Es war eine anstrengende Woche – und als wir hörten, dass es auch Cyberattacken gibt, dachten wir: Oh, das ist eine interessante Wende der Ereignisse!“, erinnert sich Laks. „Denn 2007 hätte damit niemand wirklich gerechnet.“

Hacker legten damals mit einer Flut automatisierter Aufrufe gezielt die Webseiten wichtiger Staatsorgane, Banken und Medien lahm. Später kaperten sie die Seiten und luden dort politische Parolen und Propagandabilder hoch. Ein schwerer Schlag für den Staat Estland und sein Selbstverständnis als digitale Nation:

„Wenn man durch Tallinn läuft, sieht man, dass alles digitalisiert ist und geschützt werden muss.“

Cybersicherheit hat in Estland seitdem Priorität

Sille Laks arbeitet heute in der Staatlichen Behörde für Informationssysteme, die Estland nach dem Hackerangriff von 2007 eingerichtet hat. Cybersicherheit hat seitdem Priorität: Für die Regierung gelten einheitliche Sicherheitsstandards für Passwörter, Software und Störungsmeldungen an die zuständige staatliche Behörde, die hierzulande dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) entspricht.

Auf Backup-Servern in Luxemburg ist der gesamte Datensatz aller Bürger abrufbar, falls Estlands digitale Infrastruktur zum Erliegen kommt. Das ist wichtig in einem Staat, dessen Bürger online bei Wahlen abstimmen oder ihren Arzt konsultieren können und in dem fast alle Bürger ihre Steuererklärung und Bankgeschäfte digital erledigen.

Die IT-Expertin Sille Laks engagiert sich in ihrer Freizeit im estnischen Verteidigungsbund, einem paramilitärischen Freiwilligenverband, der Wehrübungen abhält und auch eine 200 Personen starke Cyber-Einheit gegründet hat. Bei Sicherheitstrainings bringt sie ihren Zuhörern bei, wie sie sich im Internet vor Angriffen schützen können.

„Mein größter Erfolg ist es, wenn Leute kommen, die sagen ‚Ich nutze das Smartphone doch nur für E-Mails und Anrufe‘ und mich dann fragen: ‚Können Sie mir zeigen, wie ich mein Passwort ändere, und welche Anwendungen im Hintergrund laufen?'“, meint sie. „Das Ziel der IT-Sicherheitsbehörde ist, den Leuten bewusst zu machen: ‚Ich verwende elektronische Kommunikationsmittel und damit bin ich ein potenzielles Angriffsziel‘.“

Desinformationskampagnen aus Russland

Die staatliche IT-Sicherheitsbehörde und die Cybereinheit des Verteidigungsbunds halten gemeinsame Übungen zu Hackerangriffen ab – zuletzt im Mai dieses Jahres. Das Szenario: Eine Gruppe attackiert den Server einer Klinik in der Küstenstadt Pärnu, die andere Gruppe muss den Angriff abwehren – und dabei neben logistischen Fragen auch bedenken, was sie wann der Öffentlichkeit mitteilt.

Für den Cyberangriff auf Estland 2007 wurde ein Jahr später ein russischstämmiger Este angeklagt und verurteilt. 2009 hat  sich der Kopf einer regierungsnahen russischen Jugendorganisation als Drahtzieher  zu der Aktion bekannt. Cyberangriffe auf Estland kämen heute „von überall“, betont Laks.

Aber von wem die größte digitale Bedrohung ausgeht, daran haben die meisten Balten keinen Zweifel:

„Estland, Lettland und Litauen sind seit ihrer Unabhängigkeit 1991 Ziele von Desinformations-Kampagnen des Kremls. Der Kreml hat die baltischen Staaten immer als Teil seines Herrschaftsgebiets in der früheren Sowjetunion angesehen. Das Baltikum gehört daher nach der Vorstellung des Kremls bis heute zur eigenen Einflusssphäre.“

Sagt Donara Barojan, eine litauische Analytikerin im NATO-Exzellenzzentrum für Strategische Kommunikation im benachbarten Lettland. Das Zentrum untersucht Kommunikationsprozesse in der Politik, der Diplomatie und den Medien und ihre Auswirkungen.

Aber auch die Letten haben ein festes Deutungsmuster über die Zeit ihres Landes als Teil der UdSSR entwickelt – und die einstige sowjetische Führung spielt dabei keine positive Rolle.

In der Hauptstadt Riga ist die Erinnerung an „die Okkupation“, wie die Letten die Zeit der Sowjetunion nennen, allgegenwärtig. Das einstige Hauptquartier des KGB an der Freiheitsstraße 61, in dem politische Gefangene inhaftiert und auch gefoltert wurden, können heute Touristen besichtigen. Bei einem Rundgang durch das „Eckhaus“, wie es damals wie heute beschönigend genannt wird, versucht Tourguide Mārtiņš Kazainis die Letten vom Terror der sowjetischen Geheimpolizei abzugrenzen: „Zwanzig Jahre hatten wir in einem zivilisierten Land gelebt. Vor der Besatzung sind solche Dinge hier nicht passiert. Viele glaubten nicht einmal, dass das Regime sie tun würde…“

Immer wieder betont er, wie Lettland damals heruntergewirtschaftet worden sei: 1938 sei das Bruttoinlandsprodukt Lettlands höher als das von Australien gewesen. „Lettland war reicher als Australien! Auf einem Level mit Dänemark“, betont Kazainis. „Die Letten waren so reich wie die Dänen – heute nicht mehr, wegen einem halben Jahrhundert Besatzung…“

Der komplizierte Umgang mit russischen Nichtbürgern

Kompliziert wird der Umgang mit der Vergangenheit aber durch die russische Minderheit in Lettland, die damals angesiedelt wurde und heute – wie auch in Estland – ein Viertel der Bevölkerung ausmacht. Bis heute dürfen sie als sogenannte „Nichtbürger“ weder wählen noch im öffentlichen Dienst arbeiten, die Einbürgerung ist ein umständliches bürokratisches Verfahren.

Die russischstämmige Bevölkerung wird von vielen Balten als Einfallstür der Kreml-Propaganda angesehen – ein Risiko, das auch die Litauerin Donara Barojan vom NATO-Exzellenzzentrum für Strategische Kommunikation sieht: „Was Desinformationskampagnen des Kreml in Lettland und Estland so wirksam macht , das ist die große russische Minderheit in beiden Ländern, die ihre Nachrichten von kremlnahen Medien empfängt. Und sie ist nicht so gut in die Gesellschaft integriert wie etwa in Litauen“, meint sie.

Im Baltikum gibt es daher neben dem Cyberkrieg der Hacker auch einen Informationskrieg – einen lautlosen Kampf darum, Menschen in ihrem Denken zu beeinflussen. Denn genauso folgenreich wie Ereignisse im Weltgeschehen ist heute, wie sie von wem gedeutet und interpretiert werden. Barojan spürt bei ihrer Arbeit im NATO-Think Tank virtuelle Desinformationskampagnen auf und versucht, mit Software-Tools den Methoden der Urheber auf den Grund zu gehen.

Sie weiß, was das Angebot der staatlich finanzierten russischen Medien wie Sputnik und RT so erfolgreich macht: Durch glaubwürdige Berichterstattung in einigen Bereichen haben sie beim Publikum und dem Algorithmus sozialer Netzwerke einen Vertrauensvorschuss aufgebaut – oft bei Themen, die etablierte Nachrichtenmedien zu spät aufgegriffen haben: Beispiele sind die Occupy-Bewegung, die soziale Ungerechtigkeiten und Spekulationsgeschäfte von Banken kritisierte, die Anfänge des Syrienkriegs oder die Lage in Afghanistan.

Steht Russland durch aktuelle Ereignisse selbst im Fokus, etwa nach dem Giftanschlag in Großbritannien, veröffentlichen kremlnahe Medien Propaganda und Verschwörungstheorien. Diese werden im Netz genauso prominent ausgespielt wie ihre nachrichtlich gehaltenen Beiträge und Artikel, kritisiert Barojan:

„Sie vermischen Wahrheit und Lüge und stehen so als rundum verlässliche Quelle da – was sie aber nicht sind.“

Ein gemeinsames Vorgehen der NATO gibt es nicht

Der mediale Kampf um das, was gedacht wird, tobt längst nicht nur im Baltikum – doch eine gemeinsame Antwort der NATO darauf gibt es nicht. Erst 2016 hat die NATO den Cyberspace zur „domain of operations“, also zu einem Operationsbereich erklärt. Im Abschlusskommuniqué des Warschauer Gipfels ist zu lesen, die Cyberabwehr sei Teil der Kernaufgaben für die kollektive Sicherheit aller Mitgliedsstaaten – und der Bündnisfall könne auch als Antwort auf eine virtuelle Attacke bedeutenden Ausmaßes eintreten.

In dem 2014 in Lettland gegründeten Zentrum für Strategische Kommunikation versuchen Analysten wie Donara Barojan mehr zu tun, als nur die russischen-Kampagnen zu beobachten. Die Einrichtung wird  von sieben NATO-Staaten finanziert, sie ist aber nicht Teil der NATO-Kommandostruktur. Eines ihrer Ziele ist, die Öffentlichkeit im Erkennen von Falschnachrichten zu schulen.

Barojan hat als stellvertretende Direktorin der Entwicklungsabteilung dazu etliche Werkzeuge mitkonzipiert: Etwa ein Computerspiel namens „News Hero“, das den Alltag einer Zeitungsredaktion nachempfinden soll, und ein Frühwarnsystem für Fake-News-Kampagnen, das automatisiert einschlägige Webseiten durchforstet. Auch auf Twitter soll bald ein Bot, also ein Computerprogramm, die Nutzer vor Falschnachrichten warnen.

„Wenn ich eine Geschichte namens ‚Haariger Spinnenaffe auf dem Mars gefunden!‘ teile, antwortet der Bot: ‚Hi! Dieser Link führt zu einer Falschnachricht. Hier geht’s zu einem Artikel, der sie widerlegt.'“, erklärt Barojan. „Der Gedanke ist, dass die Leute vielleicht zu faul sind, Informationen aus dem Internet zu prüfen – aber wenn wir diesen Prozess automatisieren, können wir ihnen die Fakten direkt in die Timeline bringen.“

Aber werden die Nutzer emotionsgetriebener Plattformen von Fakten -noch dazu mit der NATO als Quelle – überhaupt noch erreicht? Barojan ist optimistisch, jedenfalls was das Baltikum angeht: „Ich glaube nicht, dass die baltischen Staaten die anfälligsten für russische Desinformationskampagnen in Europa sind – eher die widerstandsfähigsten“, meint sie. Das gelte insbesondere für ihre Heimat Litauen: „Wann immer eine Falschnachricht die NATO-Soldaten in Litauen oder Litauens internationale Position ins Visier nimmt, ist die entlarvte Version der Geschichte tausend Mal so populär.“

Der Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Info in der Sendung „Streitkräfte und Strategien“.

Mittsommer in Lettland

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Zwei Frauen beim Kränzeflechten auf dem Rigaer Domplatz. ©OST_РОВ

Jānis, also Johannes, ist einer der beliebtesten Vornamen in Lettland – und das Fest zu seinen Ehren einer der wichtigsten Feiertage. Drei Tage lang, von der Sommersonnenwende bis zum Johannitag, wird im ganzen Land groß gefeiert und alte Traditionen leben wieder auf:

„Wir haben so viele Bräuche, die mit dieser Nacht oder der Johannisnacht – das ist der 23. Juni bei uns Letten – verbunden sind. Mancher mag schmunzeln: Nackig durch das Gras wälzen… aber das hat alles seinen Sinn und Symbolik […]. Das wird weitergegeben in der Familie. Das macht jede Familie für sich und die Oma erzählt der Enkelin und so weiter.“

So erzählt es Ilze Luig, die mit ihrem deutschen Ehemann in Westfalen lebt. Sie feiert die Sommersonnenwende im Freilandmuseum Turaida, sechzig Kilometer nördlich von Riga.

Nackt läuft hier indes niemand über die Wiesen: Viele tragen Tracht, fast alle geflochtene Kränze auf dem Kopf; aus Eichenblättern für die Männer, aus bunten Blumen für die Frauen. Was sie beim Flechten beachten müssen, erklärt ihnen die Ethnographin Indra Čekstere: „Wenn du nur rein solches Blümchen nimmst, wird dein Liebster ein guter, wohlhabender und reiner Mensch sein. […] Aber wenn Sie die Zukunft erfahren wollen, müssen sie 27 Blumen nehmen – drei Mal neun verschiedene oder 27 einzelne. Dann können Sie weissagen.“

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Kränze flechten: Eichenlaub für die Männer, Blumen für die Frauen. ©OST_РОВ

Das Heidentum hat sich in Lettland lange behauptet

Erst im 14. Jahrhundert nach Christus war das heutige Lettland christianisiert – nach langen Kreuzzügen des Deutschen Ordens gegen die baltischen Völker. So erklären die meisten Landsleute, dass so viele heidnische Bräuche dort noch heute gepflegt werden.

Während der Sowjetunion war das Mittsommerfest zeitweise verboten. Doch das hielt die Letten nicht davon ab, sich dann eben in der Wohnstube eines Verwandten oder Bekannten namens Jānis zu versammeln und seinen Namenstag zu feiern.

Heute erklingen die Lieder zur Sonnenwendfeier wieder aus vollem Hals. Līgo – das heißt auf Lettisch so viel wie „taumeln, sich wiegen“ und ist der Refrain aller Mittsommerlieder.

Für die einen ist damit der Rausch gemeint, denn zum Fest gehört außer Blumenkränzen und Lagerfeuern auch viel Bier. Die anderen wiegen sich Arm in Arm beim Tanzen: In den meisten Gemeinden finden um diese Zeit Volksfeste statt. Auf der Freiluftbühne in der Stadt Valmiera spielt eine Band bis nach Mitternacht lettische Evergreens.

Tanzen, trinken, taumeln. Nur eines ist in der Mittsommernacht nicht erlaubt: Schlafen. Wer sich jetzt zur Ruhe legt, verschläft das ganze Jahr, erklärt Agnija Saprovska. Für sie hat die Sonnenwendfeier, die sie in Turaida organisiert hat, auch sakrale Bedeutung:

„Das ist einfach sehr alte Rituale und Begriffe. Das wichtigste ist, dass alle alten Völker verstehen, dass dies die Zeit der Stärke ist. Diese Stärke muss man nutzen und erhalten – und sie kann dem Volk, den Menschen und der Familie sehr viel geben.“

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Agnija Saprovska hat in Turaida ein Mittsommerfest organisiert. Sie ist Anhängerin des lettischen Neoheidentums. ©OST_РОВ

Jeder vierte Einwohner Lettlands ist russischer Abstammung

Saprovska, die übrigens einen polnischen Nachnamen hat, ist nicht die einzige, die in der magischen Mittsommernacht solche Töne anschlägt. Ethnonationalistische Ideen sind unter den zwei Millionen Letten ganz selbstverständlich.

„Weil wir einfach was Besonderes sind. Weil wir ein sehr kraftvolles Volk sind“, findet auch Ilze Luig. „Es gibt diese energetischen Plätze in Lettland – ich finde, das ist hier etwas ganz Besonderes und dadurch unser Volk auch.“

Dabei ist jeder vierte Einwohner Lettlands russischer Abstammung. Fast alle von ihnen sind zweisprachig und im Land geboren, doch viele leben in eigenen Gemeinschaften. Knapp 160.000 Russinnen und Russen haben bis heute nicht die lettische Staatsbürgerschaft, die für sie eine aufwändige Einbürgerungsprüfung voraussetzt.

Fühlen sie sich von der Feier ausgeschlossen? Mitnichten, meint Ksenija Kolesnikova, die mit der lettischen Familie ihres Freundes in Valmiera feiert:

„Līgo feiern einfach alle – unabhängig von der Nationalität, Sprache und so weiter. Das ist eine Sache, der du dich gar nicht entziehen kannst, weil das ganze Land zwei Tage lang ins Koma fällt. Aus der Stadt solltest du dich lieber verziehen, weil dort absolut nichts los ist – wenn du kannst, fahr lieber weg. Als ich ein Teenager war, bin ich mit Freunden oft zum Zelten ans Meer gefahren, wir haben Bier eingepackt und bis zum Morgen Party gemacht. Die Traditionen selbst haben wir nicht eingehalten; es war einfach eine Gelegenheit, Spaß zu haben.“

Ganz Lettland ist an Mittsommer also auf den Beinen. Und auch wenn jeder etwas anderes in dem Festtag sieht: Dem Zauber der kürzesten Sommernacht kann sich niemand entziehen.

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Frauen und Mädchen tanzen beim Mittsommerfest in Turaida einen Reigen. ©OST_РОВ

Der Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Kultur.

Līgo, Līgo! Eine magische Sommernacht

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Eine Frau steht in der Mittsommernacht am Lagerfeuer. ©OST_РОВ

Līgo – das heißt auf lettisch „taumeln, sich wiegen“. Ich kann mir also denken, was mich erwartet, als ich Ende Juni in Riga ankomme. Das Mittsommerfest und seine Traditionen springen mir schon überall entgegen. Aus den Radios schallen Lieder mit dem Refrain „Līgo, Līgo“, in den Supermärkten ist Kümmelkäse im Angebot. Und auf dem Domplatz im Zentrum von Riga kommt der Brotverkäufer Andrejs Broks beim Bedienen der Kundschaft kaum hinterher: „Paldies… dankesehr, fröhliches Līgo!…

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Bei Andrejs Broks gehen die Geschäfte an Mittsommer prima – er wünscht allen ein fröhliches Fest. ©OST_РОВ

Am Abend wird die Hauptstadt Lettlands fast leer sein: Denn die Sommersonnenwende und den Johannitag feiert man am besten auf dem Land. Auch ich mache mich mit dem Zug auf den Weg – ins Freilandmuseum Turaida, eine Stunde nordöstlich von Riga. Dort hat eine Gruppe Traditionsbegeisterter das Fest mit Musik, Tanz und Ritualen wiederbelebt.

„Der Feiertag kommt in unseren Dainas vor, den altertümlichen Liedern, und heißt Jāņi“, erklärt mir Agnija Saprovska, die Initiatorin des Fests. „Manchmal nennen wir ihn heute auch Sommersonnenwende, um uns daran zu erinnern, was wir feiern. Inzwischen sagen viele Līgo dazu, weil der Refrain der Folklorelieder immer ‚Līgo‘ lautet.“

Agnija Saprovska kommt mir barfuß und in einem Leinengewand entgegen, mit goldenen Reifen um Arme und Hals. Für sie hat die Sonnenwende sakrale Bedeutung:

„Die ganze Natur ist in dieser Zeit voller Kraft, weil die Sonne im Zenith steht. Daher kommt die ganze Energie, deren Wellen die Erde durchströmen. Das ist ein starker und emotionaler Refrain, wenn alles – Līgo – sich voller Energie wiegt. Die ganze Natur ist erfüllt davon. Deshalb muss man Kränze aus besonderen Pflanzen und Blumen flechten. Dann geht diese Kraft, wenn du ihn die Nacht über auf dem Kopf hast, auf den Menschen über, schützt ihn und gibt ihm Gesundheit.“

Darf nicht fehlen: Der Blumenkranz

Einen Kranz brauche ich also. Zum Glück liegen an einem Stand bündelweise Wildblumen und Gräser bereit und die meisten hier kennen sich aus.

„Männer haben einen Kranz aus Eichenlaub, für Frauen ist es die Linde… und verschiedene Blumen. Nach lettischer Tradition nimmt man Rotklee – das ist die Pflanze der Hausherrin, die Vieh besitzt“, erklärt mir eine Festbesucherin. „Wichtig ist auch das Labkraut. Verheiratete Frauen dürfen noch Eichenlaub hinzufügen. Und der Farn ist ein Zauberkraut – denn es gibt den Glauben, dass der Farn nur in der Mittsommernacht blüht. Wer also Wunder und Zauber erleben will, muss Farn einflechten.“

„Na gut… ich bin nicht verheiratet und habe kein Vieh. Was soll ich tun?“, will ich wissen.

Sie beschwichtigt lachend: „Dann passen alle übrigen Blumen!“

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Voller Stolz auf meinen ersten Blumenkranz – auch wenn er eher ein recht wüstes Gestrüpp ist. ©OST_РОВ

Gar nicht so einfach, das Flechten – mein erster Blumenkranz ist noch ein ziemlich wüstes Gestrüpp. Und ich habe einen Fehler gemacht, erklärt mir Ilze Luig, die mit ihrem deutschen Ehemann Tobias aus Nordrhein-Westfalen angereist ist:

„Ja, da gibt es vieles, aber das darf man eigentlich gar nicht so laut sagen.“

– „Oh, oh?“

„Ja, eine Frau dürfte eigentlich keine Hosen tragen, sondern nur Röcke. Und Unterwäsche ist in dieser Nacht auch nicht erlaubt.“

– „Nicht e r l a u b t? Ich habe nur gehört, dass man dann am Abend gemeinsam die Farnblüte suchen geht.“

„Der Farn, der nur heute Nacht blüht. Ja, richtig.“

– „Und wenn sie den dann finden, dann gibt es neun Monate später eine kleine Belohnung dafür.“

„Nein, nein, aus dem Alter sind wir raus.“

Mittsommer in der sowjetischen Zeit

Farnblüten nennen die Letten scherzhaft Schwangerschaften, die aus den Ereignissen der Mittsommernacht hervorgehen. Das heidnische Brauchtum ging mit diesem Teil des Lebens wesentlich unbefangener um als die Kirche und die Regierung der Sowjetunion, in der es bekanntlich keinen Sex gab.

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Auf der Suche nach der Farnblüte? Ein junges Paar streift an Mittsommer durch die Wiesen. ©OST_РОВ

Ich weiß, dass die Letten eines der letzten Völker sind, die christianisiert wurden in Europa – es hat sich sehr lange ihr heidnischer Glaube gehalten. „Wie haben es die Letten eigentlich geschafft, auch durch die sowjetische Zeit hindurch nie diese Tradition zu verlieren oder zu vergessen?“, frage ich Ilze Luig.

„Gute Frage. Ich glaube, weil wir einfach was Besonderes sind“, meint sie. „Weil wir ein sehr kraftvolles Volk sind. Doch! Diese energetischen Plätze in Lettland – ich finde, das ist etwas ganz Besonderes und dadurch unser Volk auch.“

Dieses Selbstbewusstsein der Letten, das Ilze Luig da beschwört, verspüre ich an diesem Abend überall: Als Festteilnehmer in ihren Kränzen und Trachten die Stelle umkreisen, an der später das Sonnwendfeuer entzündet wird – lächelnd singen sie dabei mantraartige Lieder.

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Vorsängerin und Vorsänger leiten den Kreistanz, bei dem mantraartige Lieder gesungen werden. ©OST_РОВ

Und dann, als nach dem Ritual Folkloregruppen aufspielen und die ganze Wiese Ringelreihen und Reigen zu tanzen scheint.

Fühlt sich die russische Minderheit ausgeschlossen?

Wären da nicht Brillen, Makeup und Smartphones, könnte ich mich in vergangenen Zeiten wähnen. Dabei sind längst nicht nur Anhänger des lettischen Neoheidentums auf dem Fest unterwegs, sondern auch Touristen – und Angehörige der russischen Minderheit im Land. Fühlen sie sich von dem Treiben ausgeschlossen?

„Das ist eine tolle Veranstaltung, die man in seiner Freizeit besuchen kann“, meint ein Besucher. „Ich selbst bin Russe – hier geboren – aber ich weiß, dass das der Feiertag der – wie heißt es noch?“

„Saulgrieži. Sonnwende“, hilft ihm seine Ehefrau nach.

Er selbst komme aus Daugavpils, das näher an der Grenze zu Russland und Belarus liegt, erzählt der Mann dann: „So wie sie hier Ligo am 23. feiern, feiern sie dort Ivan Kupala vom sechsten auf den siebten Juli in Lettgallen. Das ist das gleiche Fest, und da singt man genauso.“

In der Mittsommernacht: Unbedingt wach bleiben!

Die Regel ist ohnehin für alle die gleiche: Wach bleiben – denn wer in dieser Nacht schläft, verschläft das ganze Jahr. Der Sohn von Agnija Saprovska ist aber schon ziemlich müde und kuschelt sich in ihren Schoß, als sie mir von der Bedeutung des Feuers erzählt.

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Agnija Saprovska und ihr Sohn (links im Bild) im Gespräch. ©OST_РОВ

„Während die Sonne untergeht, zündet man Feuer an, damit das Licht nicht endet und die ganze Nacht hindurch leuchtet und die Kraft des Lichts die Dunkelheit besiegt“, sagt sie. […] „Jetzt kommt noch ein Feuerrad. Wenn es den Hang hinunterrollt, wird in diesem Jahr alles gut. Das ist ganz schön aufregend.“

In diesem Jahr gerät das brennende Rad aus der Bahn. Alles springt zur Seite. Schnell wird das Rad gelöscht und die Funken im Gras ausgetreten. Die Feiernden lassen sich die Freude trotzdem nicht verderben und tanzen weiter Reigen bis zur Morgendämmerung.

Über das Lagerfeuer, an dem ich mich mehrmals aufwärme, springt bis zum frühen Morgen allerdings niemand mehr.

Um vier Uhr morgens ist die magische Nacht vorbei. Während im morgendlichen Vogelzwitschern die letzten Lieder verklingen, mache ich mich auf den Weg zum nächstgelegenen Bahnhof – zu Fuß, denn auch die Bus- und Taxifahrer haben Mittsommer gefeiert. Voll mit Eindrücken komme ich im leergefegten Riga an – und verschwinde so schnell ich kann ins Bett.

Der Text erschien als Radiobeitrag im Deutschlandfunk.

Mama Superstar

Nicht alle Heldinnen tragen Capes – Melisa Manrique Oyola, unterstützt von Co-Herausgeberin Manik Chander, aber schon. ©My Migrant Mama

„Die 15 Minuten zur Schule in Rom erschienen Melisa wie eine Ewigkeit. Sie war neun Jahre alt, als sie begann, allein zu Schule zu gehen und ihre Mama Niceta versuchte, Melisa Mut zu machen: ‚Als ich in deinem Alter war, brachte ich die Schafe aus dem Dorf Cayak alleine zum Grasen in die peruanischen Berge. Es ging immer alles gut, mach dir keine Sorgen.‘ […] Als Melisa diese Geschichte zum ersten Mal hörte, war sie neun Jahre alt und ihr blieb der Mund offen stehen. ‚Meine Mama ist eine Superheldin‘, dachte sie.“

Es ist ihre eigene Geschichte, die Melisa Manrique da vorliest – aufgeschrieben für das Buch „Mama Superstar“, das sie gemeinsam mit Co-Autorin Manik Chander verfasst hat. In elf Kapiteln erzählen sie die Biographien von elf Frauen, die nach Deutschland eingewandert sind – aus der Sicht ihrer Töchter und voller Bewunderung für die Lebensleistung ihrer Mütter.

Kennengelernt haben die beiden Autorinnen sich im Auslandssemester in Indien. Was sie verband, war die Migrationsgeschichte ihrer Mütter, erzählt Manrique: „Wir haben auf Englisch damals gesprochen und deswegen kam der Satz ‚My migrant mama is much cooler than yours!‘ und wir haben verschiedene Beispiele gemacht so wie: ‚Meine Mama hat zehn Stunden pro Tag gearbeitet – naja, nee, meine hat auf jeden Fall zwölf Stunden pro Tag gearbeitet! Meine ist viel cooler als deine!‘ So haben wir angefangen.“

Eine Mama cooler, fleißiger und tapferer als die andere

Bei “Mama Superstar” ist eine Mama cooler, fleißiger und tapferer als die andere: Da ist Mama Mini, die eine Imbissbude betreibt, obwohl sie gerade erst gelernt hat, wie Deutsche zu kochen. Manik Chanders Mama Dally aus Indien, die vier Kinder erzieht und später als Altenpflegerin arbeitet. Und Melisa Manriques Mama Niceta aus Peru, die vor dem Terror der kommunistischen Guerilla nach Italien flieht und nie wieder als Philosophielehrerin arbeiten kann.

Die Anerkennung dafür blieb ihnen, wie den meisten Immigrantinnen, versagt. Auch 2019 sind Frauen mit Migrationsgeschichte in der öffentlichen Debatte oft „Die ihrem Mann Hörige“, „die mit den vielen Kindern“, „die ohne Deutschkenntnisse“. Mit den Geschichten, die ihre Migrant Mamas mitten im Leben zeigen, wollen die Töchter nun ihre Mütter feiern. Oft genug scheint dabei durch, dass auch sie es nicht leichter hatten.

„Weil unsere Mamas Migrationsgeschichte haben, konnten sie uns zum Beispiel nicht bei den Hausaufgaben helfen. Sie konnten nicht – im Fall meiner Mama – meinen Freunden Pasta Carbonara anbieten. Sie konnten offizielle Dokumente nicht richtig verstehen und ich musste das übersetzen“, erinnert sich Manrique. „Wenn man ein Kind oder ein Teenager ist, ist das manchmal peinlich, man ist nicht immer geduldig und wünscht sich […] normale Eltern, die die Sprache gut kennen, die solche Hilfe nicht brauchen.“

Das Buch „Mama Superstar“ kommt zur rechten Zeit

Das Buch, das beide im Selbstverlag herausgegeben haben, kommt zur rechten Zeit: Schnell waren die 5000 Bücher der ersten Auflage ausverkauft – zum größten Teil an deutsche Familien ohne Migrationsgeschichte, erzählt Manrique. Wie groß die Wissbegier ist, zeigt auch die Nominierung für den deutschen Integrationspreis der Hertie-Stiftung.

„Mama Superstar“ nimmt viele Fragestellungen auf, die die Gesellschaft der Bundesrepublik jetzt mit sich selbst verhandelt: Den Umgang mit Migrationsbiographien. Klischees über Frauen – ob mit oder ohne Kopftuch. Und die Erkenntnis, dass auch Kinder und Enkel aus Einwandererfamilien ihr Deutschsein noch immer beweisen müssen.

„Das habe ich mein ganzes Leben erlebt“, sagt Manrique. „In Italien: die Leute haben mich angeguckt und gedacht: ‚Nee, sie ist auf keinen Fall Italienerin‘. Ich habe mich italienisch gefühlt, weil ich da aufgewachsen bin. Aber man sieht nur, wie jemand aussieht und sagt: ‚Du bist nicht italienisch, du bist nicht deutsch‘. Aber das muss nicht sein eigentlich.“

„An all die kleinen Maniks da draußen:…“

Für ein Buch, das so viel vermitteln will, ist der Ton leichtherzig und optimistisch: Auf jede Heldinnengeschichte folgt ein Kochrezept, eine Danksagung der Tochter – und ein Ratschlag an ihr früheres Ich:

„An all die kleinen Maniks da draußen: Versuche zu verstehen, was es bedeutet ganz neu in einem fremden Land zu sein. Deine Eltern sind wie Fische, die fliegen – und ist das nicht wunderbar? Sie schenken dir zwei Welten, wenn du es ihnen erlaubst.[…] Es tut mir Leid, wenn dich andere Kinder deswegen ärgern. Versuch, einfach trotzdem stolz zu sein. Du wirst irgendwann merken, dass du nicht alleine bist.“

Jede Migrant Mama hat auch Erfahrungen mit Rassismus und Xenophobie gemacht. Überlesen kann sie nur, wer das selbst nicht kennt. Die Töchter erzählen davon in einer ruhigen Knappheit, die verrät, dass solche Angriffe zu ihrem Alltag gehören. In der medialen Darstellung von Migrantinnen sind Katastrophen meist der Endpunkt. Hier sind sie nur ein Ereignis von vielen – wie der Brand in Mama Minis Imbissbude, erzählt im nüchternen Ton der Überlebenden.

Das Buch „Mama Superstar“ ist ein Zeitzeugnis deutscher Einwanderungsgeschichte. Die Autorinnen haben dafür ganz bewusst das Sprachniveau C1 gewählt – die Texte sind anspruchsvoll, aber eben nicht ganz so nuanciert wie bei Muttersprachlern. Jedes Kapitel ist auf 400 Wörter begrenzt.

Die Kraft, die das Buch hat, steckt in seinem Schreibprozess: Denn jede Heldinnengeschichte basiert aus einem biographischen Interview zwischen Mutter und Tochter. Geschichte, die Frauen verbindet, tradiert von Frauen. Schade findet Melisa Manrique nur, dass ihre Mutter Niceta das Buch auf Deutsch nicht lesen kann. Aber die nächste Edition ist schon in Arbeit.

Dieser Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Kultur.

Mama Superstar“ ist im Mentor Verlag erschienen: https://www.mentor-verlag.de/mama-superstar/.

Der kollektive Egoismus

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Donald Trump als kleiner Rotzbengel – auf der Wand eines verlassenen Gebäudes in der Sperrzone von Tschernobyl. ©OST_РОВ

Wie der Nationalismus zur Barbarei führt – und was ihn aufhält

Nationalismus gibt ein Versprechen, das sich so fortlaufend selbst erneuert, dass es nie eingelöst werden muss.

Wie soll sich auch ein Versprechen an eine Vielzahl von Menschen erfüllen, wenn jede*r von ihnen darin etwas anderes sieht? Schon der Begriff der Nation ist nicht einheitlich definiert, sondern ein loses Bündel an Merkmalen, von denen jede nationalistische Gruppe andere in den Vordergrund stellt: Nation kann auf den ethnischen Begriff einer Volksnation referieren, eine Sprachgemeinschaft meinen, die mit heutigen Staatsgrenzen kaum noch je zusammenfällt, eine Kulturgemeinschaft mit gleichen Bräuchen, Traditionen und teils auch der gleichen Religion umschreiben oder schlicht Menschen der gleichen Staatsangehörigkeit als Gruppe kennzeichnen – auch wenn letzteres von Nationalisten kaum je getan wird.

Die Merkmale einer Nation, die als gleich/geteilt oder abweichend/unterscheidend zu anderen Nationen angesehen werden, sind uneinheitlich bis willkürlich festgelegt und veränderlich: Nicht nur erheben oft mehrere Nationen den Anspruch auf das Gleiche, das zu ihnen gehöre oder das sie gar erfunden hätten.

Noch vor einigen Hundert Jahren hätten wohl so manche Menschen bestritten, dass etwa Einwohner Münchens mit denen Berlins mehr gemeinsam haben als mit den Einwohnern von Wien oder Florenz – oder dass zwei rothaarige Frauen aus Warschau und Paris weniger verbindet als eine dunkelhaarige und eine blonde Frau aus Madrid. Und wer sagt, dass diese konstruierten Beispiele zutreffen?

Nationen als „imagined communities“

Eine Nation ist also eine „imagined community“ nach dem Begriff von Benedict Anderson; der Nationsbegriff, auf den Nationalist*innen sich berufen, ist diffus. Und auch der gegenwärtig zu beobachtende Nationalismus weist in seinem Erscheinungsbild bei den verschiedenen Nationen durchaus Varianzen auf: Richten sich deutsche Nationalist*innen mit Stimmungsmache und Übergriffen vor allem gegen Muslime und schüren Rassismus gegen dunkelhäutige Menschen – den deutschen Staatsbürger*innen unter ihnen wird ihr Deutschsein schlicht abgesprochen -, so bringen griechische, polnische oder italienische Nationalist*innen vor allem ihre heftige Frustration über jahrelange vermeintliche Fremdbestimmung durch die Europäische Union zum Ausdruck. Nationalismus wird dort als Rückeroberung der Kontrolle dargestellt, während die EU zum allbeherrschenden und zugleich totalversagenden Gegner stilisiert wird. Populist*innen dienen sich der Bevölkerung mit dem Versprechen an, sie nach Jahren des „Über die Köpfe hinweg“-Regierens verstärkt einzubinden und ihre Interessen zu verwirklichen.

Für Ukrainer*innen ist der Nationalismus ein Vehikel zur größtmöglichen Abgrenzung gegen den Kriegsgegner Russland, von dem sie sich nach langer, nicht immer freiwillig gemeinsamer Geschichte maximal unterscheiden wollen und dessen Großmachtstreben und selbstgewählte Gegnerschaft zum sogenannten Westen sie ablehnen.

Der russische Nationalismus wiederum besteht in der Betonung des „Sonderwegs“ von Russland in der Welt, der von keiner anderen Nation verstanden werden könne, und ist mehr und mehr zur postsowjetischen Ersatzideologie und zum Kontrollinstrument über die russische Jugend geworden. Nationalismus dient dort dazu, das Verhalten der Staatsbürger*innen in die von einer Machtelite gewollten Bahnen zu lenken, und schon die drohende Ächtung für „unpatriotisches“ Handeln und Auftreten genügt oft als Sanktionierung.

In den von Einwanderern gegründeten USA präsentiert sich die Parole „America First“ als Rückbesinnung und „Self Care“ einer viel zu lange selbstlos handelnden Weltmacht, die nun zur Besinnung kommt und durch aggressive Machtproben mit ihrer Wirtschaftskraft ihren vermeintlichen Nutznießer*innen einen Denkzettel verpasst. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft idealer Größe

Die Ausprägungen des Nationalismus, wie er sich gegenwärtig an vielen Orten der Welt ausbreitet, sind also vielfältig. Doch seine Grundtendenz, sein Wesen ist bei allen Nationen das gleiche: Er verspricht Halt in einer Zeit, in der alles außer Kontrolle zu geraten scheint und fast alles wählbar und veränderlich geworden ist.

Zum einen gibt der Nationalismus das Versprechen der Zugehörigkeit zu einer Solidargemeinschaft, die gerade groß und eng vernetzt genug ist, um tatsächlich etwas zu bewegen. Erderwärmung, große Migrationsbewegungen und die menschenfeindlichen Ausbeutungsprozesse des späten Kapitalismus zeitigen in vielen Teilen der Erde gewaltige Veränderungen. Doch die sich ankündigenden Umwälzungen sind den meisten zu abstrakt, zu tief als düsteres Grundrauschen in die Normalitätserwartung eingesunken, als dass sie mit der gebotenen Dringlichkeit reagieren. Was geschieht, scheint nicht in den Händen der Einzelnen zu liegen.

Die Orientierung an einer Nation bietet hier vielen eine gewohnte und erfassbare Bezugsgröße. Das Wohlergehen der Nation ist ein Anliegen, das aus den kollektiven Erinnerungspraktiken in Liedern, Gedichten, Gründungsmythen und den Biographien von Nationalheld*innen als edler Selbstzweck gekannt und davon auch legitimiert wird. Das Streben nach diesem Wohlergehen scheint über den Egoismus des Einzelnen hinauszugehen und ihm zugleich dienlicher zu sein als der Verlass auf supranationale Gemeinschaften wie die Vereinten Nationen, die im kollektiven Bewusstsein ohnehin kaum mehr vorkommen – zu langsam ist ihre Konsensfindung, zu umständlich sind ihre Prozesse, zu abstrakt ihre Errungenschaften.

Herkunft als einfachste Form der Selbstaufwertung

Seine Spuren hinterlässt dieses Denken etwa im Ruf nach stärkeren Nationalstaaten innerhalb Europas oder in der Überzeugung, Dutzende einzeln verhandelter „Deals“ der USA mit anderen Einzelstaaten seien vorteilhafter als multilaterale Abkommen, die für alle Vertragspartner*innen gleichermaßen gelten.

Zum anderen verspricht der Nationalismus seinen Verfechter*innen Geltung und Aufwertung. Die meisten Identitätsmerkmale sind heute veränderlich, teils sogar wähl- und wechselbar. Sozialer Stand, Bildung, Religion, Lebensweise, Partnerwahl, persönliche Interessen, selbst das Geschlecht[1] ist keine mit der Geburt unauflöslich an das Individuum gebundene Kategorie mehr. Die Zugehörigkeit zu einer Nation scheint – insbesondere von einem ethnonationalistischen Gesichtspunkt aus – das letzte unveränderliche Merkmal zu sein und taugt daher auf niedrigster Ebene zur Selbstvergewisserung.

Während global und intersektional denkende Menschen betonen: „Welcher ethnischen und geographischen Herkunft ich bin, kann ich mir nicht aussuchen!“ und auf die Nachteile hinweisen, schließen Nationalist*innen daraus: „Und es kann mir nicht genommen werden!“ und leiten daraus positive Gefühle ab.

In den modernen Leistungsgesellschaften, die den Menschen und ihren Leben keinen Eigenwert mehr beimessen, sondern Lebenswege jenseits von Selbstoptimierung und aktivem Streben nach Produktivität als „underperformer“ abqualifizieren, bietet ein nationalistisches Selbstverständnis die einfachste Möglichkeit zur Aufwertung. Meine Nationalität – die nach diesem Denken das Hauptmerkmal meiner Identität ist – muss ich nicht selbst erbracht haben oder aufrechterhalten. Sie ist mir durch Geburt verliehen und zeichnet mich gleichsam wie ein Adelstitel aus. Mehr noch: Im Unterschied zu Religionen, die ein ähnliches Versprechen bedingungsloser Annahme und Zugehörigkeit geben, muss ich mich dafür nicht einmal Regeln unterwerfen oder aktiv werden. Fasten, beten, spenden, missionieren – Tätigkeiten, mit denen ich meine Zugehörigkeit zu einer Religion untermauere, sind für Nationalist*innen optional. Sie brauchen einfach nur zu sein und zu leben, um sich stolz und bedeutsam zu fühlen.

Auf solche Vorstellungen der Unveräußerlichkeit von Nationalität, derer ich mich rühmen darf, setzt etwa die Bewegung „Die Identitären“, die paradoxerweise supranational agiert und eine Berechtigung der verschiedenen Nationalismen – angeblich ohne jedes Wettbewerbsdenken – propagiert.

Die zerstörerische politische Kraft des Nationalismus

Die Identifikation mit Geburtsort, Sprache oder ethnischen Merkmalen und ihre Überhöhung zu einem umfassenden Selbstverständnis mag naiv sein – für sich selbst genommen ist sie noch nichts Schlechtes. Wäre der Nationalismus als Denk- und Lebensweise nicht mehr als ein freundlicher Anreiz zur Traditionspflege und Förderung eigener Ressourcen, so wie ihn Strateg*innen nationalistischer Bewegungen oft zu tarnen versuchen, ginge keinerlei Bedrohung von ihm aus. Doch er hat politische Kraft, der das Zerstörerische inhärent ist.

Denn bei der betonten Wertigkeit des Eigenen bleibt es nicht: Sie ist selbst immer schon eine Bevorzugung des Eigenen und damit eine implizierte Ablehnung oder Abwertung des Anderen. Verpflichtungen, Hilfsbereitschaft und Solidarität stehen demnach in erster Linie der eigenen Nation und denen zu, die Nationalist*innen für ihr zugehörig halten – und deren Interessen stehen höher als der sprichwörtliche „Rest der Welt“.

Das Wohlergehen der Nation wird in der Folge umgedeutet zur Bekämpfung ihrer vermeintlichen Feinde, die sie entweder von außen angreifen und übervorteilen oder von innen heraus zersetzen wollen. Die dabei zum Gegner Ernannten übernehmen zugleich die Aufgabe einer Folie, an der die Nationalist*innen ihre Identität konstruieren können: Schwule, Transfrauen, Schwarze, Muslime, Eingewanderte – sie sind nach diesem Denken nicht nur nicht gut genug, um dazuzugehören, sondern gar ein Makel der jeweiligen Nation, der am besten gar nicht existieren sollte. Politische Kampfbegriffe werden geprägt, die sie als moralisch verderbt, unterlegen oder durch ausländische Einflüsse korrumpiert darstellen. Wer sich nach diesem Ausschlussverfahren noch zur Nation zählen darf, wird als verständig, überlegen, unverdorben und im Recht liegend gezeichnet.

Diese ausschließende und stark abwertende Definition ex negativo dient Nationalist*innen nicht selten als Ersatz für tatsächliche politische Inhalte und Werte. Der Nationalismus stellt rigoros simple, formale Bedingungen für Zugehörigkeit auf und verspricht zugleich Bedingungslosigkeit: Einfach zu übernehmende und leicht zur Schau tragbare Merkmale wie Kleidung, Abzeichen und Symbolhandlungen sind plötzlich von hoher Bedeutung. Angeborene Varianzen unter den Menschen wie Aussehen, sexuelle Orientierung und Geschlecht haben dann plötzlich einen Eigenwert oder –unwert, denn sie müssen für die Nation angeblich einen Nutzen haben. Die Folge sind Abstoßungsreaktionen gegen alle, die nach diesen Bedingungen „anders“ sind. Die Übergänge zwischen Abschätzigkeit, Beleidigung, Ausschlusspraktiken, Gewaltphantasien und Übergriffen sind nicht weit.

Regeln des Zusammenlebens gelten Nationalisten für nichts

Die nach verbalen und physischen Gewalttätigkeiten einzelner Nationalist*innen oft zitierte Aussage, hier „entlarve sich“ deren Urheber, greift deutlich zu kurz: Der Nationalismus und seine Vertreter*innen haben im Grunde nie vorgegeben, sich um das und die zu kümmern, die ihr Verständnis von Nation nicht umfasst. Noch vor jeder Wortklauberei selbsternannter Patriotischer Europäer, Islamkritiker und Identitärer[2] ist klar: Wer den Grundsatz „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ ablehnt und sich mit Parolen wie „Deutschland den Deutschen“ aufschwingt festzulegen, was wem gebührt, dem gelten auch andere Grundprinzipien des Zusammenlebens für nichts.

Eine solche Fassade von Halt, Zugehörigkeit, Geltung und Bedingungslosigkeit, wie sie der Nationalismus bietet, ist ein verheißungsvolles Versprechen, aber tatsächlich nichts als kollektiver Egoismus: Er hat keine tatsächliche Rückbindung an Werte und Moral und übergeht achtlos andere Menschen, wenn sie nicht zum eigenen Vorteil gereichen. Nationalist*innen geben sich dadurch selbst das Recht, alles andere zu relativieren, auch wenn es noch so unaussprechlich erscheint – ob es menschliche Umgangsformen und die Regeln der Diplomatie sind wie bei US-Präsident Donald Trump oder die Kollaboration mit totalitären Regimes und eine Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit. „Sie haben vielleicht auf der falschen Seite der Geschichte gekämpft, aber sie hatten keine andere Wahl“, waren die Worte, mit denen ein junger Nationalist aus Riga einmal im Interview mit mir die Taten der Lettischen Waffen-SS rechtfertigte.

Beim Nationalismus in der beschriebenen Form, wie er heute weltweit grassiert, ist unschwer zu erkennen: Er verspricht Halt und kann nur Selbstbezogenheit bieten, er verspricht Zugehörigkeit und kennt nur Ausschluss oder Gefangennahme, er verspricht Geltung und besteht nur aus Überheblichkeit, er verspricht Bedingungslosigkeit und macht daraus Rigorosität. Ist ihm ausreichend Handlungsmacht gegeben, mündet er in die Barbarei. Da er seine Versprechen niemals einlösen kann, strebt er mit aller Gewalt nach Selbsterhaltung. Er entstellt das Gesicht der Nation, die er zu vertreten glaubt und vorgibt – und hat nichts mehr mit seinem ursprünglichen Ziel gemein: Dem Einsatz für das Wohlergehen der Nation.

Die Achillesferse des Nationalismus

Hier entlarven sich tatsächlich, oft schon in einem frühen Stadium, die Vertreter*innen des Nationalismus: Jüngstes Beispiel ist der Österreicher Heinz-Christian Strache, dem die bloße Aussicht auf Einflussnahme in den demokratischen Wahlprozess und auf Macht für seine rechte Partei FPÖ ausreichte, um zum Ausverkauf seines Landes an ein imperiales und zunehmend totalitär geführtes Regime bereit zu sein.

Und genau hier liegt die Achillesferse des Nationalismus, der gegen Appelle an Vernunft und Menschlichkeit immun scheint. Erstens kann er nicht nur in der Sprache des Kapitalismus nicht „liefern“, sondern ist noch zum Drangeben seiner Nation bereit. Zweitens ist er verführbar – die seinen Versprechen aufgesessenen Nationalist*innen sind es allemal.

Hier sind offene, diverse und multilateral organisierte Gemeinschaften im Vorteil. Die schiere Vielfalt und Vielzahl der Interessen, die berücksichtigt werden müssen, macht es ihnen unmöglich, an das Eigene zu denken, ohne das Wohlergehen der anderen je ganz außer Acht zu lassen. Das ständige Aufeinandertreffen des Unterschiedlichen, das solchen Gemeinschaften schon immanent ist, lässt jede Abwägung kontroverser ausfallen, verhindert aber auch ein Sich-Verrennen. Eine Gemeinschaft, die nicht vollständig mit der Selbstreproduktion beschäftigt ist, ist offen gegenüber neuen Einflüssen. Diese werden nicht beargwöhnt oder bekämpft, sondern als Möglichkeit zum Dazulernen und zur Entwicklung gesehen, während der Nationalismus seine eigene Vollkommenheit propagiert und so zum ideologisierten Stillstand wird.

Und schließlich haben auch offene, diverse, multilateral organisierte Gemeinschaften ein Versprechen anzubieten: Das Versprechen, dass von Nationalisten betonte Merkmale wie Herkunft, Ethnie, Aussehen, Religion, Geschlecht, Partnerwahl und Lebensweise keine Bedingungen sind, unter denen Zugehörigkeit verhandelt wird. Grundlage der Zugehörigkeit zu einer solchen Gemeinschaft sind geteilte Werte: dazu gehört Kooperation statt Eroberungsstreben, das Teilen von Errungenschaften statt gegenseitigem Neid und Eifersucht, gegenseitige Rücksichtnahme und Hilfe nach dem Solidarprinzip, die Konzentration auf Gemeinsamkeiten statt auf Unterschiede und das Tolerieren von allem, was dem nicht entgegensteht. Da angeborene Merkmale in einer solchen Wertegemeinschaft keinen Eigenwert besitzen, muss der Platz darin erst durch Engagement erworben werden – durch das Leben und Umsetzen dessen, was sie ausmacht.

Die Wertegemeinschaft ist gleichsam eine Art „co-constructed community„, die durch das Leben ihrer Werte erst geschaffen wird – und ohne das sie nicht funktioniert. Sie muss sich dessen bewusst sein, was sie ist und was sie bieten kann, und den Nationalismus dadurch übertrumpfen. In Zeiten des Wandels und der Unsicherheit hilft es nicht, den Nationalismus zu kritisieren oder zu bekämpfen, um attraktiver zu sein als er.

Eine selbstbewusste Wertegemeinschaft arbeitet deshalb nicht gegen Nationalist*innen, sondern gegen das, was sie tun.

Sie bietet Menschen Zugehörigkeit, die der Nationalismus ausschließt. Sie bietet Menschen Schutz und Hilfe, die der Nationalismus angreift. Sie bleibt ehrlich und den Fakten verpflichtet, wo der Nationalismus relativiert und auf das Durchsetzen seiner Ideologie um jeden Preis aus ist. Sie vereint Menschen und ist bereit zu handeln, während der Nationalismus noch mit deren Kategorisieren beschäftigt ist. Sie setzt auf Zusammenarbeit mit Verbündeten, wo der Nationalismus durch Drohgebärden und Machtspiele seine Kräfte verschwendet. Sie lässt sich nicht in ruinöse Scharmützel verwickeln, aus denen der Nationalismus seine Kräfte zieht, sondern behält die essenziellen Probleme fest im Blick und arbeitet an deren Lösung: An der Eindämmung des Klimawandels, an der Schaffung gesicherter Lebensbedingungen unabhängig von Geographie, am gerechten Ausgleich der Ressourcenverteilung.

Das Versprechen der offenen, diversen und multilateral organisierten Wertegemeinschaft ist ein weniger bequemes als das des Nationalismus. Aber es ist tatsächlich einlösbar.

Dieser Text erschien als Beitrag zum Sylke-Tempel-Essaywettbewerb „Faszination Nationalismus“. Er erreichte die Endrunde.


[1] Ich selbst identifiziere mich als Trans* und setze Transmenschen damit weder in ihrer Identität als „selbstgewählt“ herab, noch stelle ich ihre Identität infrage. Tatsache ist, dass Geschlecht nicht in allen Zeiten und zu allen Orten so stark an physische Merkmale wie Chromosomen gebunden war, um von der Gesellschaft als valide und „echt“ anerkannt zu werden. Dass das Geschlecht eine Kategorie ist, über die das Individuum selbst statt seinem Umfeld die Deutungshoheit hat und dass eine Transition in die eigene Identität außerhalb der zugeschriebenen auch später im Leben oder mehrmals im Leben erfolgen kann, ist jedoch eine jüngere Erscheinung. Darauf beziehe ich mich.

[2] Da die hier genannten Gruppierungen sich selbst so bezeichnen und sich nicht als geschlechtergrechte Bewegung begreifen (die ihre demographische Zusammensetzung auch oft genug nicht hergibt), habe ich hier vom sprachlichen Gendern abgesehen.