Līgo, Līgo! Eine magische Sommernacht

Jāņi, das Fest der Sommersonnenwende vor dem Johannitag, ist so alt wie die Letten selber – da ist sich Zwei-Millionen-Nation im Baltikum sicher. Auch zu Zeiten der Sowjetunion sind die Traditionen erhalten geblieben. Wie authentisch sind die Feste heute noch – und was machen ethnonationalistische Einflüsse daraus?

Līgo – das heißt auf lettisch „taumeln, sich wiegen“. Ich kann mir also denken, was mich erwartet, als ich Ende Juni in Riga ankomme. Das Mittsommerfest und seine Traditionen springen mir schon überall entgegen. Aus den Radios schallen Lieder mit dem Refrain „Līgo, līgo“, in den Supermärkten ist Kümmelkäse im Angebot. Und auf dem Domplatz im Zentrum von Riga kommt der Brotverkäufer Andrejs Broks beim Bedienen der Kundschaft kaum hinterher.

Die Geschäfte am Stand von Andrejs Broks gehen an Mittsommer hervorragend. © Ost/Ров

Am Abend wird die Hauptstadt Lettlands fast leer sein: Denn die Sommersonnenwende und den Johannitag feiert man am besten auf dem Land. Auch ich mache mich mit dem Zug auf den Weg – ins Freilandmuseum Turaida, eine Stunde nordöstlich von Riga.

Dort hat eine Gruppe Traditionsbegeisterter das Fest mit Musik, Tanz und Ritualen wiederbelebt:

„Der Feiertag kommt in unseren Dainas vor, den altertümlichen Liedern, und heißt Jāņi. Manchmal nennen wir ihn heute auch Sommersonnenwende, um uns daran zu erinnern, was wir feiern. Inzwischen sagen viele Līgo dazu, weil der Refrain der Folklorelieder immer ‘Līgo’ lautet.“

So erklärt es mir Agnija Saprovska, die Initiatorin des Fests. Weil ich kaum Lettisch kann, spricht sie Russisch mit mir. Agnija kommt mir barfuß und in einem Leinengewand entgegen, mit goldenen Reifen um Arme und Hals. Für sie hat die Sonnenwende sakrale Bedeutung.

„Die ganze Natur ist in dieser Zeit voller Kraft, weil die Sonne im Zenith steht. Daher kommt die ganze Energie, deren Wellen die Erde durchströmen. Das ist ein starker und emotionaler Refrain, wenn alles – Līgo – sich voller Energie wiegt“, schwärmt sie. „Die ganze Natur ist erfüllt davon. Deshalb muss man Kränze aus besonderen Pflanzen und Blumen flechten. Dann geht diese Kraft, wenn du ihn die Nacht über auf dem Kopf hast, auf den Menschen über, schützt ihn und gibt ihm Gesundheit.“

Rotklee, Eichenlaub, Farn

Einen Kranz brauche ich also. Zum Glück liegen an einem Stand bündelweise Wildblumen und Gräser bereit und die meisten hier kennen sich aus:

„Männer haben einen Kranz aus Eichenlaub, für Frauen ist es die Linde… und verschiedene Blumen. Nach lettischer Tradition nimmt man Rotklee – das ist die Pflanze der Hausherrin, die Vieh besitzt. Wichtig ist auch das Labkraut. Verheiratete Frauen dürfen noch Eichenlaub hinzufügen. Und der Farn ist ein Zauberkraut – denn es gibt den Glauben, dass der Farn nur in der Mittsommernacht blüht. Wer also Wunder und Zauber erleben will, muss Farn einflechten.“

– „Na gut… ich bin nicht verheiratet und habe kein Vieh. Was soll ich tun?“, frage ich nach.

„Dann passen alle übrigen Blumen!“

Mein erster Blumenkranz – allerdings schon am Morgen nach der durchfeierten Nacht: ein recht wüstes Gestrüpp. © Ost/Ров

Gar nicht so einfach, das Flechten – mein erster Blumenkranz ist noch ein ziemlich wüstes Gestrüpp. Und ich habe einen Fehler gemacht, erklärt mir Ilze Luig, die mit ihrem deutschen Ehemann Tobias aus Nordrhein-Westfalen angereist ist:

„Ja, da gibt es vieles, aber das darf man eigentlich gar nicht so laut sagen.“

– „Oh, oh, oh!“

„Ja, eine Frau dürfte eigentlich keine Hosen tragen, sondern nur Röcke. Und Unterwäsche ist in dieser Nacht auch nicht erlaubt.“

– „Nicht e r l a u b t? Ich habe nur gehört, dass man dann am Abend gemeinsam die Farnblüte suchen geht.“

„Der Farn, der nur heute Nacht blüht. Ja, richtig.“

– „Und wenn sie den dann finden, dann gibt es neun Monate später eine kleine Belohnung dafür.“

„Nein, nein, aus dem Alter sind wir raus.“

Selbstbewusstsein der Letten

Farnblüten nennen die Letten scherzhaft Schwangerschaften, die aus den Ereignissen der Mittsommernacht hervorgehen. Das heidnische Brauchtum ging mit diesem Teil des Lebens wesentlich unbefangener um als die Kirche und die Regierung der Sowjetunion, in der es bekanntlich keinen Sex gab.

„Ich weiß, dass die Letten eines der letzten Völker sind, die christianisiert wurden in Europa. Es hat sich ewig lang dieser Glaube gehalten. Wie haben es die Letten eigentlich geschafft, auch durch die sowjetische Zeit hindurch nie diese Tradition zu verlieren oder zu vergessen?“, frage ich Ilze Luig.

„Gute Frage“, meint sie. „Ich glaube, weil wir einfach was Besonderes sind. Weil wir ein sehr kraftvolles Volk sind. Doch! Diese energetischen Plätze in Lettland – ich finde, das ist etwas ganz Besonderes und dadurch unser Volk auch.“

Dieses Selbstbewusstsein der Letten, das Ilze Luig da beschwört, verspüre ich an diesem Abend überall: Als Festteilnehmer in ihren Kränzen und Trachten die Stelle umkreisen, an der später das Sonnwendfeuer entzündet wird – lächelnd singen sie dabei mantraartige Lieder.

Das Jāņi-Ritual in Turaida beginnt mit einem Fackelzug und mantraartigen Gesängen. © Ost/Ров

Und dann, als nach dem Ritual Folkloregruppen aufspielen und die ganze Wiese Ringelreihen und Reigen zu tanzen scheint.

Die russischen Letten feiern mit – auf ihre Art

Wären da nicht Brillen, Makeup und Smartphones, könnte ich mich in vergangenen Zeiten wähnen. Dabei sind längst nicht nur Anhänger des lettischen Neoheidentums auf dem Fest unterwegs, sondern auch Touristen – und Angehörige der russischen Minderheit im Land. Fühlen sie sich von dem Treiben ausgeschlossen?

„Das ist eine tolle Veranstaltung, die man in seiner Freizeit besuchen kann. […] Ich selbst bin Russe – hier geboren – aber ich weiß, dass das der Feiertag der – wie heißt es noch?“ – so genau scheint der Festgast es dann doch nicht zu wissen, jedenfalls bringt seine Frau den Satz zu Ende:

„Saulgriežie – Sonnenwende.“

Er selbst komme aus Daugavpils, das näher an der Grenze zu Russland und Belarus liegt, erzählt er und fügt hinzu: “So wie sie hier Līgo am 23. feiern, feiern sie dort Ivan Kupala vom sechsten auf den siebten Juli in Lettgallen. Das ist das gleiche Fest, und da singt man genauso.”

Wer jetzt schläft, verschläft das ganze Jahr

Die Regel ist ohnehin für alle die gleiche: Wach bleiben – denn wer in dieser Nacht schläft, verschläft das ganze Jahr. Der Sohn von Agnija Saprovska ist aber schon ziemlich müde und kuschelt sich in ihren Schoß, als sie mir von der Bedeutung des Feuers erzählt.

“Während die Sonne untergeht, zündet man Feuer an, damit das Licht nicht endet und die ganze Nacht hindurch leuchtet und die Kraft des Lichts die Dunkelheit besiegen. […] Jetzt kommt noch ein Feuerrad. Wenn es den Hang hinunterrollt, wird in diesem Jahr alles gut. Das ist ganz schön aufregend.”

In diesem Jahr gerät das brennende Rad aus der Bahn. Alles springt zur Seite. Schnell wird das Rad gelöscht und die Funken im Gras ausgetreten. Die Feiernden lassen sich die Freude trotzdem nicht verderben und tanzen weiter Reigen bis zur Morgendämmerung. Über das Lagerfeuer, an dem ich mich mehrmals aufwärme, springt bis zum frühen Morgen allerdings niemand mehr.

Frauen verbrennen um Mitternacht den Blumenkranz vom Vorjahr. © Ost/Ров

Um vier Uhr morgens ist die magische Nacht vorbei. Während im morgendlichen Vogelzwitschern die letzten Lieder verklingen, mache ich mich auf den Weg zum nächstgelegenen Bahnhof – zu Fuß, denn auch die Bus- und Taxifahrer haben Mittsommer gefeiert. Voll mit Eindrücken komme ich im leergefegten Riga an – und verschwinde so schnell ich kann ins Bett.

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