“Gleichgültigkeit ist das Schlimmste”

Die ukrainische Kunst- und Kulturszene blüht – doch frei von politischen Einflüssen ist sie nicht. Wie gehen junge Künstler*innen damit um, dass nationalistische Töne opportun sind?

Für Musikerin Katerina Petraschowa ist die Sache klar: “Ich glaube, viele machen Kunst um der Kunst willen. Das ist doch dann keine Kunst mehr”, findet sie.

Die junge Saxophonistin spielt in der Band „TseSho“, übersetzt „Was ist das?“. Ihre Musik nennt die Kyiwer Gruppe „Social Rave“: Er soll nicht nur Spaß machen, nicht nur Kunst sein, sondern Fragen aufwerfen, die die ukrainische Gesellschaft umtreiben. Das tun in ihrer Heimat noch viel zu wenige, meint Bandkollegin Marusja Ionova:

„In unserem Land gibt es einfach keine politische Elite, die in der Lage wäre, unser Land mit seinen gewaltigen Ressourcen und den hervorragenden Leuten, die hier leben, erfolgreich zu machen – so dass die Leute sich nicht nur mit ihren Grundbedürfnissen beschäftigen. Ich glaube, die Leute wollen das ändern; aber sie sind gezwungen, sehr viel zu arbeiten, weil unsere Löhne hier sehr niedrig sind.“

Für die Band gehört es zum Selbstverständnis, an politischen Aktionen teilzunehmen – zum Beispiel an einer Protestaktion auf dem Kyiwer Sophienplatz, die ein gesetzliches Verbot für Pelzkleidung erreichen will. Musikerin Marusia Ionova nimmt das Megaphon und fordert die Menge zu einer Spontanperformance auf.

Die Social-Rave-Band “TseSho” beim Proben im Theater Dach.

“Gleichgültigkeit ist das Schlimmste”

In ihren Liedern trifft die Band kein Urteil, was gut oder schlecht ist, und gibt den Fans auch keine politischen Empfehlungen. Das Publikum solle selbst nachdenken und entscheiden, wen es unterstützt.

„Gleichgültigkeit ist das Schlimmste – wenn du dich von allem distanzierst, abgrenzt, nicht kümmerst”, findet Maritschka Schtyrbulowa, die in der Gruppe das Akkordeon spielt. “Manchmal ist selbst Hass nicht so schlimm wie Gleichgültigkeit.”

Andere Künstler haben sich seit 2014 klar auf die Seite der Regierung gestellt und laden ihre Arbeit ganz bewusst mit politischer Symbolik auf. Viktoria Romantschuk aus Luzk tritt mit einer Performance im Gewerkschaftshaus am Maidan auf.

Viktoria Romantschuk bei ihrer Performance im Gewerkschaftshaus am Kyiwer Maidan. © Ost/Ров

Fast 100 Menschen sind bei den Protesten auf dem Maidan gestorben. In der Ukraine werden sie „Himmlische Hundertschaft“ genannt. Viktoria Romantschuk vergleicht sie in ihrer Performance mit den zwölf Aposteln:

„Sie waren gewöhnliche Menschen, die außergewöhnliche Taten vollbracht haben. Wie auch die Leute, die auf dem Maidan starben, gewöhnliche Leute waren, aber Außergewöhnliches taten, ihr Leben gaben, für ihre Familie und ihre Nächsten. Daher die Symbolik.“

Diese Überhöhung des Maidan deckt sich mit der Sichtweise der ukrainischen Regierung. Die Künstlerin ist stolz auf einen Orden für Tapferkeit, den sie vom Präsidenten Poroschenko erhalten hat. Sie diene Gott und der Ukraine, sagt sie dazu.

Alyona Alyona bezieht keine konkrete Position mehr

Andere hingegen hadern noch mit dem Status als Nationalikone, etwa die Rapperin Alyona Alyona. Mit ihren Songs auf Ukrainisch wird sie zunehmend international bekannt. Welches Bild von ihrem Land will sie vermitteln?

„Wir sind jung, wir sind kreativ, machen gute Arbeit – nicht, dass alle sagen: ‚Was soll das denn sein?’, sondern: ‚Wow!’”, beschreibt sie. “Wir können ernste Entscheidungen treffen, die Welt verändern – über diese Ukraine will ich rappen. Die kreativ ist, bereit sich zu ändern, die coole Ideen für die ganze Welt hat.“

Nicht zu cool für eine ironische Slawenhocke: Die Rapperin Alyona Alyona. © Ost/Ров

Als kreative Botschafterin der Ukraine sehe sie sich aber nicht. Dabei versuchte Präsident Poroschenko bereits, sich auf einer Wahlkampfveranstaltung mit ihr zu schmücken. Die Rapperin ging hin – und hatte später Mühe, den Fans zu erklären, dass das kein parteipolitisches Statement gewesen sei: Sie sei mit falschen Versprechungen angelockt worden. Wenig später erschien „Obizianki“ – „Versprechungen“, ihr bislang politischster Track.

Konkret positionieren will Alyona Alyona sich seitdem nicht mehr. Sie stellt sich lieber als Patriotin und Liebhaberin ihrer Sprache dar. Das ist in der Ukraine unverfänglich. Sie sagt:

„Ich will ein so gutes Produkt machen, dass die Leute es aus dem Ukrainischen ins Englische übersetzen wollen, um zu verstehen, worüber ich rappe. Zwing mich nicht, auf Belarussisch, Russisch, Englisch oder Deutsch zu rappen. Ich will in meiner Sprache rappen.“

Im politischen Klima der Ukraine muss jeder irgendwann Farbe bekennen. Manche Künstler verschreiben sich lauthals einer Sache, andere gehen subtiler damit um: Sie habe früher auf Russisch gerappt, sagt Alyona Alyona. Aber in dieser Sprache sei für sie alles gesagt.

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