Der Kampf um Inklusion in der Ukraine

Menschen mit Behinderung waren in der Ukraine lange unsichtbar. Nun setzt ein Umdenken ein: Aus dem Krieg im Donbass kehren Veteranen zurück, die an Leib und Seele verwundet sind und weiterleben wollen. Doch bis Kiew barrierefrei ist, ist der Weg noch weit.

Ein gut gekleideter Mann sitzt im Sessel. Kühn blickt er zum Betrachter, seine elegante Hose ist aufgekrempelt, so dass auffällt: Die Unterschenkel des Mannes sind aus Carbon. Dieses Werbeplakat für „individuelle Prothesen“, das in der Kyiwer Metro aushängt, wäre vor fünf Jahren kaum denkbar gewesen.

Damals brach der Krieg in der Ostkraine aus, wo seitdem Separatisten mit russischer Unterstützung gegen die ukrainische Armee kämpfen. Viele Soldaten, die zurückkommen, sind verwundet an Leib und Seele und ihr Land ist nicht auf sie vorbereitet.

Werbung für “Individuelle Prothesen” in der Kyiwer Metro. © Ost/Ров

Menschen mit Behinderung waren in der Ukraine lange unsichtbar, sagt Switlana Schliptschenko, Urbanistik-Wissenschaftlerin an der Kyiw-Mohyla-Akademie: „Wenn du irgendwo im Ausland bist, hat jeder auf der Straße irgendeine Behinderung! Doch dann fällt dir auf, dass unsere Leute mit Behinderungen einfach nur zu Hause bleiben, weil sie nicht rauskommen. Und jetzt ist das Problem noch drängender geworden, weil wir viele junge Männer haben, die im Krieg verwundet worden sind und gern in die Stadt fahren würden. Darüber müssen wir nachdenken!“

Kaum Rollstühle, Taststöcke oder Prothesen in Kyiw zu sehen

Die Vorstellung, dass jeder Mensch gesund und stark ist – oder ein Defizit hat, dessen er sich schämen sollte, stammt noch aus dem Körperkult der Sowjetunion. Bis heute treten Menschen mit Rollstuhl, Taststock oder Prothesen kaum im Kyiwer Stadtbild hervor. Kein Wunder, meint die Urbanistin:

„Sie müssen es erst einmal aus dem Haus schaffen. (…) Wenn ein Gebäude weniger als fünf Stockwerke hat, gibt es dort keinen Aufzug oder dort passt nicht einmal ein Kinderwagen hinein. Dann müssen Sie die Treppen hinunter. Ok, Sie sind draußen. Dann sind da all diese Straßenübergänge… man hat erst angefangen, den Boden zu ebnen. Dann gibt es diese Unterführungen… und wenn sie im Rollstuhl sitzen oder geh- und sehbehindert sind, ist es nicht leicht, zu einer Haltestelle zu kommen.“

Daria Korschawina lässt sich davon nicht aufhalten. Die 27-Jährige ist seit ihrem zweiten Lebensjahr blind und setzt sich als Aktivistin für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein. Beim Spaziergang über die Kyiwer Prachtstraße Chreschtschatik gehen die Leute oft viel zu knapp an ihr vorbei, rempeln sie fast an.

„Es ist ein Teufelskreis. Weil die Leute zu Hause sitzen, haben sie Angst vor der Gesellschaft und die Gesellschaft vor ihnen, weil man sie nicht sieht und nicht mit ihnen umzugehen weiß”, erklärt sie. “Ich gehe zum Beispiel raus und kann erklären, dass man mit mir wie mit einem gewöhnlichen Menschen umgeht. Wenn ich Hilfe brauche, frage ich danach.“

Daria Korschawina auf dem Maidan Nesaleschnosti. Wann fühlt sie sich “nesaleschna”, unabhängig? – “Wenn ich alleine in eine andere Stadt reise.” © Ost/Ров

Menschen mit Behinderung finden schwer Arbeit

Korschawina war Radioreporterin für den Sender Hromadske. Jetzt will sie in die Politik gehen, um auf die Anliegen von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen. Die meisten von ihnen haben es schwer, Arbeit zu finden: „Den Arbeitgebern ist schwer zu erklären, dass sie nicht auf deine Behinderung, sondern deine Fachkenntnisse und die Qualität deiner Arbeit achten sollen”, sagt sie.

Wladislaw Malaschtschenko hat das längst verstanden. Er hat die Bäckerei „Good Bread From Good People“ gegründet, in der psychisch kranke und geistig beeinträchtigte Menschen arbeiten. Sie backen Kuchen und Brote oder liefern die Backwaren, die man über ihre Webseite bestellen kann, in Kyiw aus.

„Wenn zu den Leuten ein Kurier mit Behinderung kommt, ändert sich bei ihnen im Kopf etwas”, erzählt er. “Sie sehen mit Interesse, dass so ein Mensch überhaupt etwas kann. Sie dachten, dass er gar nicht versteht, was vor sich geht und man ihm ständig den Speichel vom Kinn wischen muss.“

Mit seiner Bäckerei, die fünfzehn Leute beschäftigt, leistet Malaschtschenko in der Ukraine Pionierarbeit. „Soziale Unternehmen sollten eigentlich vom Staat kommen. Der Staat sollte sich darum kümmern und Einrichtungen wie Bäckereien, Kantinen und Werkstätten schaffen. Fragen Sie den, warum es das nicht gibt!”, sagt er. “Also müssen wir sie an seiner Stelle schaffen und Kinder pflegen, Geld spenden, Arbeitsstätten schaffen und so weiter.“

Die Bäckerei “Good Bread From Good People”, die Wladislaw Malaschtschenko (zweiter von links) gegründet hat. © Ost/Ров

Wandel in den Regionen setzt durch Veteranen ein

Trotz engagierter Aktivisten sind die Bedürfnisse beeinträchtigter Menschen in der ukrainischen Politik noch nicht angekommen. Viele Maßnahmen zur Inklusion sind Stückwerk – oder nicht zu Ende gedacht, wie das vollständig barrierefreie Theater am Andreassteig, das aufgrund der steilen Straßenverhältnisse für Gehbehinderte kaum zu erreichen ist.

Auch im Wahlkampf kommen Kriegsversehrte und Menschen mit Behinderung bislang nicht vor. Doch das wird sich ändern, meint Switlana Schliptschenko. Denn die meisten Veteranen stammen nicht aus der Hauptstadt Kiew, sondern aus den Regionen: „Auf lokaler Ebene werden sie die Situation verändern, denn sie sind der Grund für die angestrebte Dezentralisierung der Verwaltung in der Ukraine” ist sie sicher. “Man merkt jetzt, dass man auf die Menschen und das Geld vor Ort angewiesen ist und etwas für die Menschen tun muss, die dort leben.“

Daria Korschawina und Wladislaw Malaschtschenko sind da optimistisch – nicht zuletzt, weil Menschen ohne Beeinträchtigungen die gleichen Interesse und Ziele haben, meint Korschawina:

„Jeder hat seine Probleme. Aber wichtig ist, dass wir auch mit einem Problem gut leben können, es nach Möglichkeit lösen – und wenn es nicht lösbar ist, soll es zumindest nicht beim Leben stören.“

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