Der kollektive Egoismus

Wie Nationalismus in die Barbarei führt – und was ihn aufhält. Ein Essay.

Nationalismus gibt ein Versprechen, das sich so fortlaufend selbst erneuert, dass es nie eingelöst werden muss.

Wie soll sich auch ein Versprechen an eine Vielzahl von Menschen erfüllen, wenn jede*r von ihnen darin etwas anderes sieht? Schon der Begriff der Nation ist nicht einheitlich definiert, sondern ein loses Bündel an Merkmalen, von denen jede nationalistische Gruppe andere in den Vordergrund stellt: Nation kann auf den ethnischen Begriff einer Volksnation referieren, eine Sprachgemeinschaft meinen, die mit heutigen Staatsgrenzen kaum noch je zusammenfällt, eine Kulturgemeinschaft mit gleichen Bräuchen, Traditionen und teils auch der gleichen Religion umschreiben oder schlicht Menschen der gleichen Staatsangehörigkeit als Gruppe kennzeichnen – auch wenn letzteres von Nationalisten kaum je getan wird.

Die Merkmale einer Nation, die als gleich/geteilt oder abweichend/unterscheidend zu anderen Nationen angesehen werden, sind uneinheitlich bis willkürlich festgelegt und veränderlich: Nicht nur erheben oft mehrere Nationen den Anspruch auf das Gleiche, das zu ihnen gehöre oder das sie gar erfunden hätten. Noch vor einigen Hundert Jahren hätten wohl so manche Menschen bestritten, dass etwa Einwohner Münchens mit denen Berlins mehr gemeinsam haben als mit den Einwohnern von Wien oder Florenz – oder dass zwei rothaarige Frauen aus Warschau und Paris weniger verbindet als eine dunkelhaarige und eine blonde Frau aus Madrid. Und wer sagt, dass diese konstruierten Beispiele zutreffen?

Die “imagined communities” der Gegenwart

Eine Nation ist also eine „imagined community“ nach dem Begriff von Benedict Anderson; der Nationsbegriff, auf den Nationalist*innen sich berufen, ist diffus. Und auch der gegenwärtig zu beobachtende Nationalismus weist in seinem Erscheinungsbild bei den verschiedenen Nationen durchaus Varianzen auf: Richten sich deutsche Nationalist*innen mit Stimmungsmache und Übergriffen vor allem gegen Muslime und schüren Rassismus gegen dunkelhäutige Menschen – den deutschen Staatsbürger*innen unter ihnen wird ihr Deutschsein schlicht abgesprochen –, so bringen griechische, polnische oder italienische Nationalist*innen vor allem ihre heftige Frustration über jahrelange vermeintliche Fremdbestimmung durch die Europäische Union zum Ausdruck. Nationalismus wird dort als Rückeroberung der Kontrolle dargestellt, während die EU zum allbeherrschenden und zugleich totalversagenden Gegner stilisiert wird. Populist*innen dienen sich der Bevölkerung mit dem Versprechen an, sie nach Jahren des „Über die Köpfe hinweg“-Regierens verstärkt einzubinden und ihre Interessen zu verwirklichen.

Für Ukrainer*innen ist der Nationalismus ein Vehikel zur größtmöglichen Abgrenzung gegen den Kriegsgegner Russland, von dem sie sich nach langer, nicht immer freiwillig gemeinsamer Geschichte maximal unterscheiden wollen und dessen Großmachtstreben und selbstgewählte Gegnerschaft zum sogenannten Westen sie ablehnen.

Der russische Nationalismus wiederum besteht in der Betonung des „Sonderwegs“ von Russland in der Welt, der von keiner anderen Nation verstanden werden könne, und ist mehr und mehr zur postsowjetischen Ersatzideologie und zum Kontrollinstrument über die russische Jugend geworden. Nationalismus dient dort dazu, das Verhalten der Staatsbürger*innen in die von einer Machtelite gewollten Bahnen zu lenken, und schon die drohende Ächtung für „unpatriotisches“ Handeln und Auftreten genügt oft als Sanktionierung.

In den von Einwanderern gegründeten USA präsentiert sich die Parole „America First“ als Rückbesinnung und „self care“ einer viel zu lange selbstlos handelnden Weltmacht, die nun zur Besinnung kommt und durch aggressive Machtproben mit ihrer Wirtschaftskraft ihren vermeintlichen Nutznießer*innen einen Denkzettel verpasst. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Das Versprechen: Zugehörigkeit und Aufwertung

Die Ausprägungen des Nationalismus, wie er sich gegenwärtig an vielen Orten der Welt ausbreitet, sind also vielfältig. Doch seine Grundtendenz, sein Wesen ist bei allen Nationen das gleiche: Er verspricht Halt in einer Zeit, in der alles außer Kontrolle zu geraten scheint und fast alles wählbar und veränderlich geworden ist.

Zum einen gibt der Nationalismus das Versprechen der Zugehörigkeit zu einer Solidargemeinschaft, die gerade groß und eng vernetzt genug ist, um tatsächlich etwas zu bewegen. Erderwärmung, große Migrationsbewegungen und die menschenfeindlichen Ausbeutungsprozesse des späten Kapitalismus zeitigen in vielen Teilen der Erde gewaltige Veränderungen. Doch die sich ankündigenden Umwälzungen sind den meisten zu abstrakt, zu tief als düsteres Grundrauschen in die Normalitätserwartung eingesunken, als dass sie mit der gebotenen Dringlichkeit reagieren. Was geschieht, scheint nicht in den Händen der Einzelnen zu liegen.

Die Orientierung an einer Nation bietet hier vielen eine gewohnte und erfassbare Bezugsgröße. Das Wohlergehen der Nation ist ein Anliegen, das aus den kollektiven Erinnerungspraktiken in Liedern, Gedichten, Gründungsmythen und den Biographien von Nationalheld*innen als edler Selbstzweck gekannt und davon auch legitimiert wird. Das Streben nach diesem Wohlergehen scheint über den Egoismus des Einzelnen hinauszugehen und ihm zugleich dienlicher zu sein als der Verlass auf supranationale Gemeinschaften wie die Vereinten Nationen, die im kollektiven Bewusstsein ohnehin kaum mehr vorkommen – zu langsam ist ihre Konsensfindung, zu umständlich sind ihre Prozesse, zu abstrakt ihre Errungenschaften.

Seine Spuren hinterlässt dieses Denken etwa im Ruf nach stärkeren Nationalstaaten innerhalb Europas oder in der Überzeugung, Dutzende einzeln verhandelter „Deals“ der USA mit anderen Einzelstaaten seien vorteilhafter als multilaterale Abkommen, die für alle Vertragspartner*innen gleichermaßen gelten.

Zum anderen verspricht der Nationalismus seinen Verfechter*innen Geltung und Aufwertung. Die meisten Identitätsmerkmale sind heute veränderlich, teils sogar wähl- und wechselbar. Sozialer Stand, Bildung, Religion, Lebensweise, Partnerwahl, persönliche Interessen, selbst das Geschlecht[1] ist keine mit der Geburt unauflöslich an das Individuum gebundene Kategorie mehr. Die Zugehörigkeit zu einer Nation scheint – insbesondere von einem ethnonationalistischen Gesichtspunkt aus – das letzte unveränderliche Merkmal zu sein und taugt daher auf niedrigster Ebene zur Selbstvergewisserung. Während global und intersektional denkende Menschen betonen: „Welcher ethnischen und geographischen Herkunft ich bin, kann ich mir nicht aussuchen!“ und auf die Nachteile hinweisen, schließen Nationalist*innen daraus: „Und es kann mir nicht genommen werden!“ und leiten daraus positive Gefühle ab.

In den modernen Leistungsgesellschaften, die den Menschen und ihren Leben keinen Eigenwert mehr beimessen, sondern Lebenswege jenseits von Selbstoptimierung und aktivem Streben nach Produktivität als „underperformer“ abqualifizieren, bietet ein nationalistisches Selbstverständnis die einfachste Möglichkeit zur Aufwertung. Meine Nationalität – die nach diesem Denken das Hauptmerkmal meiner Identität ist – muss ich nicht selbst erbracht haben oder aufrechterhalten. Sie ist mir durch Geburt verliehen und zeichnet mich gleichsam wie ein Adelstitel aus. Mehr noch: Im Unterschied zu Religionen, die ein ähnliches Versprechen bedingungsloser Annahme und Zugehörigkeit geben, muss ich mich dafür nicht einmal Regeln unterwerfen oder aktiv werden. Fasten, beten, spenden, missionieren – Tätigkeiten, mit denen ich meine Zugehörigkeit zu einer Religion untermauere, sind für Nationalist*innen optional. Sie brauchen einfach nur zu sein und zu leben, um sich stolz und bedeutsam zu fühlen.

Auf solche Vorstellungen der Unveräußerlichkeit von Nationalität, derer ich mich rühmen darf, setzt etwa die Bewegung „Die Identitären“, die paradoxerweise supranational agiert und eine Berechtigung der verschiedenen Nationalismen – angeblich ohne jedes Wettbewerbsdenken – propagiert.

Bei der Betonung des Eigenen bleibt es nicht

Die Identifikation mit Geburtsort, Sprache oder ethnischen Merkmalen und ihre Überhöhung zu einem umfassenden Selbstverständnis mag naiv sein – für sich selbst genommen ist sie noch nichts Schlechtes. Wäre der Nationalismus als Denk- und Lebensweise nicht mehr als ein freundlicher Anreiz zur Traditionspflege und Förderung eigener Ressourcen, so wie ihn Strateg*innen nationalistischer Bewegungen oft zu tarnen versuchen, ginge keinerlei Bedrohung von ihm aus. Doch er hat politische Kraft, der das Zerstörerische inhärent ist.

Denn bei der betonten Wertigkeit des Eigenen bleibt es nicht: Sie ist selbst immer schon eine Bevorzugung des Eigenen und damit eine implizierte Ablehnung oder Abwertung des Anderen. Verpflichtungen, Hilfsbereitschaft und Solidarität stehen demnach in erster Linie der eigenen Nation und denen zu, die Nationalist*innen für ihr zugehörig halten – und deren Interessen stehen höher als der sprichwörtliche „Rest der Welt“.

Das Wohlergehen der Nation wird in der Folge umgedeutet zur Bekämpfung ihrer vermeintlichen Feinde, die sie entweder von außen angreifen und übervorteilen oder von innen heraus zersetzen wollen. Die dabei zum Gegner Ernannten übernehmen zugleich die Aufgabe einer Folie, an der die Nationalist*innen ihre Identität konstruieren können: Schwule, Transfrauen, Schwarze, Muslime, Eingewanderte – sie sind nach diesem Denken nicht nur nicht gut genug, um dazuzugehören, sondern gar ein Makel der jeweiligen Nation, der am besten gar nicht existieren sollte. Politische Kampfbegriffe werden geprägt, die sie als moralisch verderbt, unterlegen oder durch ausländische Einflüsse korrumpiert darstellen. Wer sich nach diesem Ausschlussverfahren noch zur Nation zählen darf, wird als verständig, überlegen, unverdorben und im Recht liegend gezeichnet.

Zur Schau tragbare Sybole sind plötzlich bedeutsam

Diese ausschließende und stark abwertende Definition ex negativo dient Nationalist*innen nicht selten als Ersatz für tatsächliche politische Inhalte und Werte. Der Nationalismus stellt rigoros simple, formale Bedingungen für Zugehörigkeit auf und verspricht zugleich Bedingungslosigkeit: Einfach zu übernehmende und leicht zur Schau tragbare Merkmale wie Kleidung, Abzeichen und Symbolhandlungen sind plötzlich von hoher Bedeutung. Angeborene Varianzen unter den Menschen wie Aussehen, sexuelle Orientierung und Geschlecht haben dann plötzlich einen Eigenwert oder –unwert, denn sie müssen für die Nation angeblich einen Nutzen haben. Die Folge sind Abstoßungsreaktionen gegen alle, die nach diesen Bedingungen „anders“ sind. Die Übergänge zwischen Abschätzigkeit, Beleidigung, Ausschlusspraktiken, Gewaltphantasien und Übergriffen sind nicht weit.

Die nach verbalen und physischen Gewalttätigkeiten einzelner Nationalist*innen oft zitierte Aussage, hier „entlarve sich“ deren Urheber, greift deutlich zu kurz: Der Nationalismus und seine Vertreter*innen haben im Grunde nie vorgegeben, sich um das und die zu kümmern, die ihr Verständnis von Nation nicht umfasst. Noch vor jeder Wortklauberei selbsternannter Patriotischer Europäer, Islamkritiker und Identitärer[2] ist klar: Wer den Grundsatz „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ ablehnt und sich mit Parolen wie „Deutschland den Deutschen“ aufschwingt festzulegen, was wem gebührt, dem gelten auch andere Grundprinzipien des Zusammenlebens für nichts.

Eine solche Fassade von Halt, Zugehörigkeit, Geltung und Bedingungslosigkeit, wie sie der Nationalismus bietet, ist ein verheißungsvolles Versprechen, aber tatsächlich nichts als kollektiver Egoismus: Er hat keine tatsächliche Rückbindung an Werte und Moral und übergeht achtlos andere Menschen, wenn sie nicht zum eigenen Vorteil gereichen. Nationalist*innen geben sich dadurch selbst das Recht, alles andere zu relativieren, auch wenn es noch so unaussprechlich erscheint – ob es menschliche Umgangsformen und die Regeln der Diplomatie sind wie bei US-Präsident Donald Trump oder die Kollaboration mit totalitären Regimes und eine Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit. „Sie haben vielleicht auf der falschen Seite der Geschichte gekämpft, aber sie hatten keine andere Wahl“, waren die Worte, mit denen ein junger Nationalist aus Riga einmal im Interview mit mir die Taten der Lettischen Waffen-SS rechtfertigte.

Nationalismus entstellt das, was er vertreten will

Beim Nationalismus in der beschriebenen Form, wie er heute weltweit grassiert, ist unschwer zu erkennen: Er verspricht Halt und kann nur Selbstbezogenheit bieten, er verspricht Zugehörigkeit und kennt nur Ausschluss oder Gefangennahme, er verspricht Geltung und besteht nur aus Überheblichkeit, er verspricht Bedingungslosigkeit und macht daraus Rigorosität. Ist ihm ausreichend Handlungsmacht gegeben, mündet er in die Barbarei. Da er seine Versprechen niemals einlösen kann, strebt er mit aller Gewalt nach Selbsterhaltung. Er entstellt das Gesicht der Nation, die er zu vertreten glaubt und vorgibt – und hat nichts mehr mit seinem ursprünglichen Ziel gemein: Dem Einsatz für das Wohlergehen der Nation.

Hier entlarven sich tatsächlich, oft schon in einem frühen Stadium, die Vertreter*innen des Nationalismus: Jüngstes Beispiel ist der Österreicher Heinz-Christian Strache, dem die bloße Aussicht auf Einflussnahme in den demokratischen Wahlprozess und auf Macht für seine rechte Partei FPÖ ausreichte, um zum Ausverkauf seines Landes an ein imperiales und zunehmend totalitär geführtes Regime bereit zu sein.

Und genau hier liegt die Achillesferse des Nationalismus, der gegen Appelle an Vernunft und Menschlichkeit immun scheint. Erstens kann er nicht nur in der Sprache des Kapitalismus nicht „liefern“, sondern ist noch zum Drangeben seiner Nation bereit. Zweitens ist er verführbar – die seinen Versprechen aufgesessenen Nationalist*innen sind es allemal.

Hier sind offene, diverse und multilateral organisierte Gemeinschaften im Vorteil. Die schiere Vielfalt und Vielzahl der Interessen, die berücksichtigt werden müssen, macht es ihnen unmöglich, an das Eigene zu denken, ohne das Wohlergehen der anderen je ganz außer Acht zu lassen. Das ständige Aufeinandertreffen des Unterschiedlichen, das solchen Gemeinschaften schon immanent ist, lässt jede Abwägung kontroverser ausfallen, verhindert aber auch ein Sich-Verrennen. Eine Gemeinschaft, die nicht vollständig mit der Selbstreproduktion beschäftigt ist, ist offen gegenüber neuen Einflüssen. Diese werden nicht beargwöhnt oder bekämpft, sondern als Möglichkeit zum Dazulernen und zur Entwicklung gesehen, während der Nationalismus seine eigene Vollkommenheit propagiert und so zum ideologisierten Stillstand wird.

Die Wertegemeinschaft als “co-constructed community”

Und schließlich haben auch offene, diverse, multilateral organisierte Gemeinschaften ein Versprechen anzubieten: Das Versprechen, dass von Nationalisten betonte Merkmale wie Herkunft, Ethnie, Aussehen, Religion, Geschlecht, Partnerwahl und Lebensweise keine Bedingungen sind, unter denen Zugehörigkeit verhandelt wird. Grundlage der Zugehörigkeit zu einer solchen Gemeinschaft sind geteilte Werte: dazu gehört Kooperation statt Eroberungsstreben, das Teilen von Errungenschaften statt gegenseitigem Neid und Eifersucht, gegenseitige Rücksichtnahme und Hilfe nach dem Solidarprinzip, die Konzentration auf Gemeinsamkeiten statt auf Unterschiede und das Tolerieren von allem, was dem nicht entgegensteht. Da angeborene Merkmale in einer solchen Wertegemeinschaft keinen Eigenwert besitzen, muss der Platz darin erst durch Engagement erworben werden – durch das Leben und Umsetzen dessen, was sie ausmacht.

Die Wertegemeinschaft ist gleichsam eine Art „co-constructed community“, die durch das Leben ihrer Werte erst geschaffen wird – und ohne das sie nicht funktioniert. Sie muss sich dessen bewusst sein, was sie ist und was sie bieten kann, und den Nationalismus dadurch übertrumpfen. In Zeiten des Wandels und der Unsicherheit hilft es nicht, den Nationalismus zu kritisieren oder zu bekämpfen, um attraktiver zu sein als er.

Eine selbstbewusste Wertegemeinschaft arbeitet deshalb nicht gegen Nationalist*innen, sondern gegen das, was sie tun.

Sie bietet Menschen Zugehörigkeit, die der Nationalismus ausschließt. Sie bietet Menschen Schutz und Hilfe, die der Nationalismus angreift. Sie bleibt ehrlich und den Fakten verpflichtet, wo der Nationalismus relativiert und auf das Durchsetzen seiner Ideologie um jeden Preis aus ist. Sie vereint Menschen und ist bereit zu handeln, während der Nationalismus noch mit deren Kategorisieren beschäftigt ist. Sie setzt auf Zusammenarbeit mit Verbündeten, wo der Nationalismus durch Drohgebärden und Machtspiele seine Kräfte verschwendet. Sie lässt sich nicht in ruinöse Scharmützel verwickeln, aus denen der Nationalismus seine Kräfte zieht, sondern behält die essenziellen Probleme fest im Blick und arbeitet an deren Lösung: An der Eindämmung des Klimawandels, an der Schaffung gesicherter Lebensbedingungen unabhängig von Geographie, am gerechten Ausgleich der Ressourcenverteilung. Das Versprechen der offenen, diversen und multilateral organisierten Wertegemeinschaft ist ein weniger bequemes als das des Nationalismus. Aber es ist tatsächlich einlösbar.

[1] Ich selbst identifiziere mich als Trans* und setze Transmenschen damit weder in ihrer Identität als „selbstgewählt“ herab, noch stelle ich ihre Identität infrage. Tatsache ist, dass Geschlecht nicht in allen Zeiten und zu allen Orten so stark an physische Merkmale wie Chromosomen gebunden war, um von der Gesellschaft als valide und „echt“ anerkannt zu werden. Dass das Geschlecht eine Kategorie ist, über die das Individuum selbst statt seinem Umfeld die Deutungshoheit hat und dass eine Transition in die eigene Identität außerhalb der zugeschriebenen auch später im Leben oder mehrmals im Leben erfolgen kann, ist jedoch eine jüngere Erscheinung. Darauf beziehe ich mich.

[2] Da die hier genannten Gruppierungen sich selbst so bezeichnen und sich nicht als geschlechtergrechte Bewegung begreifen (die ihre demographische Zusammensetzung auch oft genug nicht hergibt), habe ich hier vom sprachlichen Gendern abgesehen.

Diesen Beitrag habe ich beim Sylke-Tempel-Essaypreis zum Thema “Faszination Nationalismus” eingereicht. Er erreichte die Endrunde.

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