Das ist keine Heldengeschichte

Roman Lyndow wäre auf dem Maidan fast verbrannt, war Rekruteur eines rechten Freikorps – und ist heute Unternehmer und Meister im CrossFit. In seinem Leben spiegelt sich das Schicksal vieler junger Ukrainer*innen.

„Das ist nicht wie im Film, wenn alles in Zeitlupe verläuft und du die Kugel auf dich zukommen siehst. Es dauert eine Sekunde und du stehst in Flammen.“ Ruhig und gefasst beschreibt Roman Lyndow, was am 18. Februar 2014 passiert ist. Damals geht der Maidan Nesaleschnosti, der Hauptplatz in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, in Flammen auf – und Roman steht mittendrin.

Wie Hunderttausende weitere Ukrainer*innen protestiert er dort gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch und dessen korrupten und verschwenderischen Staatsapparat. Viele wünschen sich eine engere Anbindung der Ukraine an die EU, andere nur die Abkehr von Russland. Anfangs demonstrieren dort Student*innen, oppositionelle Politiker*innen, Vertreter*innen von Kirchen und Bürgerbewegungen friedlich nebeneinander. Doch je länger der Winter dauert, desto häufiger kommt es zu gewaltsamen Konflikten mit der Polizei. Am Tag, der Romans Leben verändert, fliegt eine Granate in seine Richtung und detoniert. „In meiner Nähe war wohl ein Molotowcocktail. Der ging auch hoch und ich wurde schwer verletzt“, erzählt er.

Auf dem Maidan in Kyiw erinnern heute Fotostelen an die Ereignisse von 2014. © Ost/Ров

Roman verliert seine linke Hand, 30 Prozent seiner Haut sind verbrannt, in seinen ganzen Körper stecken Schrapnell und Glassplitter. Er wird erst in einer ukrainischen Klinik behandelt, später fliegt ihn die Bundeswehr mit anderen Verletzten ins Bundeswehrzentralkrankenhaus nach Koblenz aus. Fast zwei Monate habe er zwischen Leben und Tod geschwebt, sagt Roman, der beim Erzählen fast emotionslos wirkt: „Mein Bruder war bei mir. Wenn ich morgens aufwachte, wusste ich nicht mehr, was gestern passiert war. Aber nach einem halben Jahr im Krankenhaus war ich fast wieder so wie vorher.“

125 Euro “Invalidenhilfe” im Monat

Roman untertreibt: Als er am 5. September 2014 zurück nach Kyjiw fliegt, ist nichts und niemand in der Ukraine mehr wie vorher. Vertreter des Maidan-Rats haben eine Übergangsregierung gebildet, Viktor Janukowitsch ist nach Russland getürmt, eine Präsidentschaftswahl hat Petro Poroschenko zu seinem Nachfolger gemacht. Russland hat sich die Halbinsel Krim einverleibt – und am Tag nach Romans Rückflug tritt das später “Minsk I” genannte Abkommen in Kraft, das einen vorübergehenden Waffenstillstand zwischen der ukrainischen Armee und von Russland unterstützten Separatisten vereinbart, die seit April in der Ostukraine die Macht übernommen haben. Der Krieg um Donezk und Lugansk dauert bis heute an.

Roman hat Soziologie an der Taras-Schewtschenko-Universität in Kyjiw studiert. Auf das Leben vorbereitet ist er damit nicht. Nach der Revolution fehlt ihm seine linke Hand, er hat Brandnarben im Gesicht und wenig Perspektiven. Doch statt sich selbst Leid zu tun, krempelt er die Ärmel hoch und fängt neu an. „Es ist einfach zu jammern“, sagt er. „Wenn du beschäftigt bleibst, hält dich das davon ab, in ein Loch zu fallen.“
Weil die umgerechnet 125 Euro „Invalidenhilfe“, die er als Maidan-Veteran vom Staat bekommt, nicht zum Leben reichen, hat Roman mit seinem Bruder eine Reiseagentur gegründet. Gemeinsam organisieren sie für Bekannte Touren nach Europa. „So ist das in der Ukraine“, sagt er. „Alle versuchen, hier und da etwas zu verdienen. Wenn du unabhängig sein willst, solltest du selbstständig arbeiten, anstatt für einen Chef im Büro zu sitzen.“

Roman Lyndow: Maidan-Veteran, Ex-Rekruteur, Unternehmer und Sportler. © Ost/Ров

Selbstständigkeit und Unabhängigkeit sind Roman wichtig. Er ist hart mit sich und besteht darauf, dass er im Alltag keine Einschränkungen kenne: „Für mich gibt es keine Hindernisse, weil ich ja meine Beine habe und überall hingehen kann. Wenn du wissen willst, was mich ärgert, dann ist es Müll auf den Straßen. Ich will in einer sauberen Stadt leben.“ Das Wort „Invalide“, das in der Ukraine für Menschen mit Behinderung noch immer verwendet wird, lehnt er ab.

Vom Asow-Regiment will er nicht mehr sprechen

Damit nicht genug: Roman macht sogar als Profisportler Karriere. Vor zweieinhalb Jahren nahm in ein Bekannter in eine Veteranen-Sportgruppe mit, die gemeinsam CrossFit trainiert und Wettkämpfe veranstaltet. Ihr Name: „Igry Herojiw“ – „Heldenspiele“. Inzwischen leitet er die Gruppe und ist ukrainischer Meister im adaptierten CrossFit, bei dem Sportler*innen mit Behinderung einzelne Übungen durch andere ersetzen dürfen. „Es geht darum, allen zu zeigen, dass nichts unmöglich ist“, sagt er. „Die Tatsache, dass ein Typ eine Beinamputation hat, heißt nicht, das er anders ist. Er kann alles, was du auch kannst – aber er inspiriert dich, wenn du ihn siehst. Du denkst: ‚Er hat so viel Lebenswillen, warum sollte ich jammern?’“

Viele junge Ukrainerinnen in Romans Alter haben bemerkt, dass sie ihr Leben und die Lage in ihrem Land selbst in die Hand nehmen können – und müssen. Auch wenn der Maidan ihnen nicht nur Gutes gebracht hat, war er für die meisten ein Wendepunkt: Sie fühlen, dass es auf ihre Initiative ankommt, um die Ukraine neu zu gestalten. Nicht selten gehen sie dabei auch radikale Wege und lassen sich dabei auf die Umtriebe rechtsextremer Kräfte ein. Roman hat sich zwei Jahre lang als Rekruteur des Asow-Regiments engagiert. Aber davon spricht heute nicht mehr gern. „Sonst denken gleich alle: ‚Oh, das sind Nazis’, nur weil da ein, zwei Rechtsextreme dabei sind“, wiegelt er ab.

Tatsächlich steht die Freiwilligen-Kampfeinheit, die der Ultranationalist Andrij Bilezkyj gegründet hat, im Ruf, ein Sammelbecken für gewaltbereite Faschisten zu sein, denen Kriegsverbrechen und bewaffnete Übergriffe auf ethnische Minderheiten und LGBTQ vorgeworfen werden. Das Regiment untersteht der Nationalgarde der Ukraine; seine Umtriebe werden von der Regierung zumindest geduldet und von Teilen der Bevölkerung gerne gesehen, weil sie die Truppenstärke und Ausrüstung der Kämpfer in der Ostukraine aufbessern. Er selbst habe jetzt nichts mehr damit zu tun, sagt Roman – übt aber auch keine direkte Kritik am Asow-Regiment. Nur so viel: Sein damaliges Engagement habe ihm schon Visaprobleme bereitet.

Wie wäre es mit auswandern?

Auf Visa ist er angewiesen – denn inzwischen tritt Roman auch bei Wettkämpfen im Ausland an und steckt sich hohe Ziele. Nächstes Jahr will er bei einem internationalen CrossFit-Wettkampf in Miami zumindest Zweiter werden, dafür trainiert er sechs- bis zehnmal in der Woche.

Ob er sich vorstellen kann auszuwandern, wie andere junge Ukrainer*innen, die Karriere machen wollen? „Ich hatte zwei Angebote, nach Deutschland und nach Kanada zu gehen. Aber ich will nicht. Es ist das Beste, in meinem eigenen Land zu leben“, sagt Roman. Im Ausland habe er so manche Ukrainer*innen getroffen und viele seien unglücklich, weil sie ihre Heimat vermissten.

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