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Mittsommer in Lettland

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Zwei Frauen beim Kränzeflechten auf dem Rigaer Domplatz. ©OST_РОВ

Jānis, also Johannes, ist einer der beliebtesten Vornamen in Lettland – und das Fest zu seinen Ehren einer der wichtigsten Feiertage. Drei Tage lang, von der Sommersonnenwende bis zum Johannitag, wird im ganzen Land groß gefeiert und alte Traditionen leben wieder auf:

„Wir haben so viele Bräuche, die mit dieser Nacht oder der Johannisnacht – das ist der 23. Juni bei uns Letten – verbunden sind. Mancher mag schmunzeln: Nackig durch das Gras wälzen… aber das hat alles seinen Sinn und Symbolik […]. Das wird weitergegeben in der Familie. Das macht jede Familie für sich und die Oma erzählt der Enkelin und so weiter.“

So erzählt es Ilze Luig, die mit ihrem deutschen Ehemann in Westfalen lebt. Sie feiert die Sommersonnenwende im Freilandmuseum Turaida, sechzig Kilometer nördlich von Riga.

Nackt läuft hier indes niemand über die Wiesen: Viele tragen Tracht, fast alle geflochtene Kränze auf dem Kopf; aus Eichenblättern für die Männer, aus bunten Blumen für die Frauen. Was sie beim Flechten beachten müssen, erklärt ihnen die Ethnographin Indra Čekstere: „Wenn du nur rein solches Blümchen nimmst, wird dein Liebster ein guter, wohlhabender und reiner Mensch sein. […] Aber wenn Sie die Zukunft erfahren wollen, müssen sie 27 Blumen nehmen – drei Mal neun verschiedene oder 27 einzelne. Dann können Sie weissagen.“

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Kränze flechten: Eichenlaub für die Männer, Blumen für die Frauen. ©OST_РОВ

Das Heidentum hat sich in Lettland lange behauptet

Erst im 14. Jahrhundert nach Christus war das heutige Lettland christianisiert – nach langen Kreuzzügen des Deutschen Ordens gegen die baltischen Völker. So erklären die meisten Landsleute, dass so viele heidnische Bräuche dort noch heute gepflegt werden.

Während der Sowjetunion war das Mittsommerfest zeitweise verboten. Doch das hielt die Letten nicht davon ab, sich dann eben in der Wohnstube eines Verwandten oder Bekannten namens Jānis zu versammeln und seinen Namenstag zu feiern.

Heute erklingen die Lieder zur Sonnenwendfeier wieder aus vollem Hals. Līgo – das heißt auf Lettisch so viel wie „taumeln, sich wiegen“ und ist der Refrain aller Mittsommerlieder.

Für die einen ist damit der Rausch gemeint, denn zum Fest gehört außer Blumenkränzen und Lagerfeuern auch viel Bier. Die anderen wiegen sich Arm in Arm beim Tanzen: In den meisten Gemeinden finden um diese Zeit Volksfeste statt. Auf der Freiluftbühne in der Stadt Valmiera spielt eine Band bis nach Mitternacht lettische Evergreens.

Tanzen, trinken, taumeln. Nur eines ist in der Mittsommernacht nicht erlaubt: Schlafen. Wer sich jetzt zur Ruhe legt, verschläft das ganze Jahr, erklärt Agnija Saprovska. Für sie hat die Sonnenwendfeier, die sie in Turaida organisiert hat, auch sakrale Bedeutung:

„Das ist einfach sehr alte Rituale und Begriffe. Das wichtigste ist, dass alle alten Völker verstehen, dass dies die Zeit der Stärke ist. Diese Stärke muss man nutzen und erhalten – und sie kann dem Volk, den Menschen und der Familie sehr viel geben.“

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Agnija Saprovska hat in Turaida ein Mittsommerfest organisiert. Sie ist Anhängerin des lettischen Neoheidentums. ©OST_РОВ

Jeder vierte Einwohner Lettlands ist russischer Abstammung

Saprovska, die übrigens einen polnischen Nachnamen hat, ist nicht die einzige, die in der magischen Mittsommernacht solche Töne anschlägt. Ethnonationalistische Ideen sind unter den zwei Millionen Letten ganz selbstverständlich.

„Weil wir einfach was Besonderes sind. Weil wir ein sehr kraftvolles Volk sind“, findet auch Ilze Luig. „Es gibt diese energetischen Plätze in Lettland – ich finde, das ist hier etwas ganz Besonderes und dadurch unser Volk auch.“

Dabei ist jeder vierte Einwohner Lettlands russischer Abstammung. Fast alle von ihnen sind zweisprachig und im Land geboren, doch viele leben in eigenen Gemeinschaften. Knapp 160.000 Russinnen und Russen haben bis heute nicht die lettische Staatsbürgerschaft, die für sie eine aufwändige Einbürgerungsprüfung voraussetzt.

Fühlen sie sich von der Feier ausgeschlossen? Mitnichten, meint Ksenija Kolesnikova, die mit der lettischen Familie ihres Freundes in Valmiera feiert:

„Līgo feiern einfach alle – unabhängig von der Nationalität, Sprache und so weiter. Das ist eine Sache, der du dich gar nicht entziehen kannst, weil das ganze Land zwei Tage lang ins Koma fällt. Aus der Stadt solltest du dich lieber verziehen, weil dort absolut nichts los ist – wenn du kannst, fahr lieber weg. Als ich ein Teenager war, bin ich mit Freunden oft zum Zelten ans Meer gefahren, wir haben Bier eingepackt und bis zum Morgen Party gemacht. Die Traditionen selbst haben wir nicht eingehalten; es war einfach eine Gelegenheit, Spaß zu haben.“

Ganz Lettland ist an Mittsommer also auf den Beinen. Und auch wenn jeder etwas anderes in dem Festtag sieht: Dem Zauber der kürzesten Sommernacht kann sich niemand entziehen.

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Frauen und Mädchen tanzen beim Mittsommerfest in Turaida einen Reigen. ©OST_РОВ

Der Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Kultur.