Litauen auf dem Weg in die Militarisierung?

Was die Angst vor einem Überfall durch Russland mit der litauischen Gesellschaft macht

Ein Militärfahrzeug steht vor einem Supermarkt im litauischen Rukla, dem Standort der Bundeswehr im Baltikum. ©OST_РОВ

„Ich bin Lina Jeznienė, Offizierin in der litauischen Armee – so sehe ich mich selbst, und das zeigt auch meine Uniform. Ich wurde Offizierin, als ich die litauische Militärakademie abgeschlossen hatte…“

Selbstbewusst und stolz schallt die Stimme einer jungen Soldatin aus dem iPad, das die Besucher durch das Center for Civic Education in Litauens Hauptstadt Vilnius führt. Die Multimedia-Ausstellung soll die politische Bildung der Litauer fördern und ein positives Bild der Gesellschaft vermitteln. Dazu gehört, dass neben Künstlern und Sportlern auch eine Vertreterin der Armee erzählt, was es heute bedeutet, Bürger Litauens zu sein.

Seit 26 Jahren ist der kleine Staat im Baltikum unabhängig von der ehemaligen Sowjetunion, seit 2004 Mitglied in der EU und der NATO – und seit 2014 in höchster Alarmbereitschaft. Denn Litauens Nachbar Russland hat den Status Quo in Europa verändert, erklärt Doktor Hans-Georg Ehrhart, Leiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

„Mit dem russischen Eingreifen in der Ostukraine und mit der Annexion der Krim hat sich die Lage natürlich dramatisch verändert – aus Sicht der baltischen Staaten ganz bestimmt und auch Polens. Aber auch in Europa insgesamt, weil Russland damit sozusagen auch nach offizieller Diktion unserer Politik (und Politiker) den Grundkonsens aufgegeben hat und sozusagen einen Tabubruch begangen hat: Nämlich durch direkte und indirekte militärische Gewaltanwendung den Status Quo in Europa zu verändern.“

Viele Litauer fürchten: Wir sind die nächsten

Mit Schrecken haben die Litauer das russische Eingreifen in der Ukraine beobachtet, der sie sich durch die gemeinsame Vergangenheit verbunden fühlen. Und viele trieb die Sorge um: Wir sind die nächsten.

Die Angst, Russland könnte sich das Baltikum und die früheren Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen ebenso einverleiben wie Teile der Ukraine, führte zu einer regelrechten Panik, erinnert sich Petras Vasiliauskas, ein Student und Friedensaktivist aus Kaunas: „Die Hauptnachrichten waren immer über Russland, über Putin. Es ging soweit, dass sogar spekuliert wurde, wo Russland uns angreift, wie wir uns verteidigen, wo die NATO eingreifen würde und all diese Schemata…“, erinnert er sich. „Es hieß immer: Das wird sicher so passieren und wir müssen uns jetzt vorbereiten. Und nun ja… es war eine ziemliche Art der Hysterie.“

Seitdem hat Litauen im Eiltempo die Wehrpflicht wiedereingeführt, seine Militärausgaben angehoben und die Zivilgesellschaft mit Broschüren des Verteidigungsministeriums auf das richtige Verhalten im Angriffsfall eingeschworen.

Seit einem Jahr ist auch ein NATO-Kampfverband unter Führung der Bundeswehr in Litauen präsent: „Enhanced Forward Presence“, verstärkte Vornepräsenz, heißt diese „einsatzähnliche Verpflichtung“. Rund 1200 Soldaten aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Kroatien und Norwegen üben nun in Litauen die schnelle Einsatzbereitschaft der Infanterie.

Der NATO-Kommandeur in der Force Integration Unit, Oberst Jakob Larsen, ist beeindruckt: „Meine Laufbahn dauert schon 30 Jahre und ich habe gesehen, was die Litauer seit 2015 geschafft haben. Die Geschwindigkeit der Entscheidungen, nicht nur reden, sondern auch handeln, um ihre Verteidigung zu verbessern – davon war ich sehr beeindruckt.“

Litauer nahmen die NATO-Soldaten mit Freude auf

Die Soldaten der NATO seien in Litauen voller Freude und Stolz aufgenommen worden, erzählt Larsen. Das bestätigt auch der Kommunikationsdirektor des Bataillons, Oberstleutnant Philipp Moritz Graf: „Es ist beispielsweise so, dass, wenn wir uns auch in unseren deutschen Uniformen zeigen, durchweg positive Reaktionen sehen. Dass uns zugewunken wird, dass Leute den Daumen nach oben strecken und über alle Sprachbarrieren hinweg durchaus deutlich machen, dass die Präsenz Deutschlands und die Präsenz der übrigen Nationen, die Teil der deutsch geführten Battlegroup sind, hier durchaus geschätzt wird. Mit großer Mehrheit.“

Fragt man die Bewohner des Städtchens Rukla, in dem die Bundeswehr bei der Eliteeinheit „Eiserne Wölfe“ ihren Standort hat, nach den deutschen Soldaten, hört man tatsächlich nur Lobeshymnen. Wie vom Dorfbewohner Alexander, der selbst zu Sowjetzeiten in der Roten Armee Wehrdienst geleistet hat: „Wodka trinken sie keinen, sag ich gleich. Den Kindern helfen sie sehr. Von den Deutschen kommt viel Wohltätigkeit, das weiß ich. Da kann ich vieles erzählen.“

Vilma Praškevičienė aus dem Kulturzentrum Rukla schwärmt, wie die Bundeswehr geholfen hat, die Kinderstation einer Klinik im nahegelegenen Jonava auszustatten: „Sie haben Geld gesammelt, Spielsachen gesammelt… die deutschen Soldaten haben so geholfen mit diesen Sachen, sie haben was weiß ich alles gekauft.“

So viel Zuspruch ist für die Bundeswehrsoldaten ungewohnt

Sehr höflich seien die Deutschen, heißt es von vielen Seiten – und auch wenn sie in den örtlichen Bars ein paar Bier getrunken hätten, wüssten sie sich zu benehmen. Von so viel Zuspruch können die Bundeswehrsoldaten in Deutschland nur träumen, meint Oberstleutnant Graf.

„Man könnte es vielleicht mit dem Wort beschreiben: Freundliches Desinteresse, das uns in der Heimat manchmal entgegenschlägt“, meint er. Das ist „hier ein deutlich anderes Gefühl“, weil einfach das Grundinteresse für Politik und auch für Sicherheitspolitik hier durch alle Teile der Gesellschaft hindurch viel höher sei als in Deutschland.

Die Nähe zwischen Militär und Zivilgesellschaft in Litauen bestätigt auch Leutnant Kristina Klimienė von der litauischen Armee, die für die Kontakte mit den Gastnationen zuständig ist: „Wenn wir üben, kommen manchmal Zivilisten, bringen uns Tee und helfen. Das sind kleine, aber sehr freundliche Gesten der Zivilisten gegenüber dem Militär.“

Verflechtung von Militär und Bevölkerung

Doch die Verflechtung zwischen Militär und Bevölkerung geht noch weiter: Seit die Angst vor dem Einmarsch russischer Soldaten um sich greift, haben Schützenvereine und paramilitärische Gruppen wie die „Lietuvos šaulių sąjunga“, die litauische Schützenunion, regen Zulauf. Der staatlich unterstützte Verein zur Zivilverteidigung darf Waffen führen und bildet auch Elf- bis Siebzehnjährige in Ferienlagern aus. Wozu soll das gut sein?

„Das ist ein Versuch, die Gesellschaft wehrhaft zu machen. Das ist natürlich gleichzeitig ein Militarisierungsprozess in der Gesellschaft, der vielleicht das Sicherheitsgefühl erhöhen wird, aber nicht die objektive Sicherheit“, schätzt Hans-Georg Ehrhart vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

Solche Paramilitärs könnten Spannungen zu anderen Staaten sogar weiter anheizen. Denn auch auch die Gegenseite bilde ihre Bevölkerung entsprechend aus und schüre Ablehnung:

„Vertrauensbildung wieder zu beginnen wird immer schwerer, je weiter sich in einer Gesellschaft diese Militarisierung verfestigt und damit auch Feindbilder nicht abgebaut, sondern verstärkt werden.“

Patriot zu sein ist chic – und hat auch eine militärische Komponente

Bedenken, die der NATO-Kommandeur Jakob Larsen am liebsten zerstreut sehen möchte: Russland schaffe doch dieses Klima der Unsicherheit, die Absichten der NATO seien friedlich. Und die Litauer täten nur, was sie tun müssten: „Was sie tun ist: Ihre Verteidigung ernst nehmen. Und 95 bis 99 Prozent der Wehrpflichtigen, die sie einberufen, sind Freiwillige.“

Litauer, die diese Militärbegeisterung und Dämonisierung kritisch sehen, sind in der Minderheit. Petras Vasiliauskas, dem Studenten und Friedensaktivisten, gefallen die einfachen Schwarz-Weiß-Geschichten nicht. „Die Geschichte, die unser Staat jetzt erzählt, lautet natürlich: Die Russen haben uns besetzt und dann haben wir die Geschichte hindurch unter ihnen nur gelitten“, beschreibt er das gängige Narrativ. „Und dann ist da die NATO, eine westliche Macht und etwas, das uns Aufklärung, Fortschritt, Demokratie bringt.“

Als Litauens Regierung 2015 gerade die Wiedereinführung der Wehrpflicht per Gesetz vorbereitete, hat Vasiliauskas mit anderen Linksliberalen und Pazifisten einen Protest in der Hauptstadt Vilnius organisiert. Die Kundgebung zog gerade einmal 60 Teilnehmer an, dafür aber umso mehr Gegendemonstranten, die hinter Litauens Aufrüstung standen: „Eines der Schilder, das sie hatten, lautete: ‚Starke Armee = Demokratie!‘ Da dachten wir: Ok, ist das Nordkorea oder wie?“, sagt er und muss lachen. „Komische Ideen…“

Stärkeres Gemeinschaftsgefühl – zu einem hohen Preis

Nordkoreanische Verhältnisse herrschen in Litauen noch längst nicht – und auch mitnichten russische. Da sind sich Friedensforscher, NATO-Kommandeur und die meisten Litauer einig. Das Land hat eine funktionierende, stabile Demokratie und der gemeinsame Feind Russland hilft, die Gesellschaft zusammenzuhalten.

Aber für eine europäische Gesellschaft reicht das auf Dauer nicht aus, meint Hans-Georg Ehrhart: „Das kann so ein Gemeinschaftsgefühl stärken und auch einen gewissen sozialen Druck in diese Richtung erzeugen: Dass man sozusagen dabei sein muss und sich auch entsprechend profilieren muss. Die Frage ist, wie lange so etwas anhalten kann. Denn wir gehen doch eigentlich davon aus, dass alle drei baltischen Staaten hochmodern sind. Vernetzte Gesellschaften, die im Grunde genommen auch offene Gesellschaften sind. Und da immer diesen – Abwehrmodus sozusagen – hochzuhalten, halte ich nicht dauerhaft für möglich und erst recht nicht für wünschenswert.“

Patriot zu sein und das Militär zu unterstützen ist in Litauen chic. Wer NATO, EU und Aufrüstung kritisch sieht, steht schnell im Verdacht, ein Handlanger Russlands zu sein.

Noch herrscht Frieden im Baltikum. Doch Sicherheitsexperten wie Hans-Georg Ehrhart beobachten die Lage dort mit Argwohn:

„Die Frage ist immer: Kann eine Eskalation, wenn sie einmal in Gang gesetzt worden ist, wieder gestoppt werden.“

Der Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Info in der Sendung „Streitkräfte und Strategien“.