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Līgo, Līgo! Eine magische Sommernacht

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Eine Frau steht in der Mittsommernacht am Lagerfeuer. ©OST_РОВ

Līgo – das heißt auf lettisch „taumeln, sich wiegen“. Ich kann mir also denken, was mich erwartet, als ich Ende Juni in Riga ankomme. Das Mittsommerfest und seine Traditionen springen mir schon überall entgegen. Aus den Radios schallen Lieder mit dem Refrain „Līgo, Līgo“, in den Supermärkten ist Kümmelkäse im Angebot. Und auf dem Domplatz im Zentrum von Riga kommt der Brotverkäufer Andrejs Broks beim Bedienen der Kundschaft kaum hinterher: „Paldies… dankesehr, fröhliches Līgo!…

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Bei Andrejs Broks gehen die Geschäfte an Mittsommer prima – er wünscht allen ein fröhliches Fest. ©OST_РОВ

Am Abend wird die Hauptstadt Lettlands fast leer sein: Denn die Sommersonnenwende und den Johannitag feiert man am besten auf dem Land. Auch ich mache mich mit dem Zug auf den Weg – ins Freilandmuseum Turaida, eine Stunde nordöstlich von Riga. Dort hat eine Gruppe Traditionsbegeisterter das Fest mit Musik, Tanz und Ritualen wiederbelebt.

„Der Feiertag kommt in unseren Dainas vor, den altertümlichen Liedern, und heißt Jāņi“, erklärt mir Agnija Saprovska, die Initiatorin des Fests. „Manchmal nennen wir ihn heute auch Sommersonnenwende, um uns daran zu erinnern, was wir feiern. Inzwischen sagen viele Līgo dazu, weil der Refrain der Folklorelieder immer ‚Līgo‘ lautet.“

Agnija Saprovska kommt mir barfuß und in einem Leinengewand entgegen, mit goldenen Reifen um Arme und Hals. Für sie hat die Sonnenwende sakrale Bedeutung:

„Die ganze Natur ist in dieser Zeit voller Kraft, weil die Sonne im Zenith steht. Daher kommt die ganze Energie, deren Wellen die Erde durchströmen. Das ist ein starker und emotionaler Refrain, wenn alles – Līgo – sich voller Energie wiegt. Die ganze Natur ist erfüllt davon. Deshalb muss man Kränze aus besonderen Pflanzen und Blumen flechten. Dann geht diese Kraft, wenn du ihn die Nacht über auf dem Kopf hast, auf den Menschen über, schützt ihn und gibt ihm Gesundheit.“

Darf nicht fehlen: Der Blumenkranz

Einen Kranz brauche ich also. Zum Glück liegen an einem Stand bündelweise Wildblumen und Gräser bereit und die meisten hier kennen sich aus.

„Männer haben einen Kranz aus Eichenlaub, für Frauen ist es die Linde… und verschiedene Blumen. Nach lettischer Tradition nimmt man Rotklee – das ist die Pflanze der Hausherrin, die Vieh besitzt“, erklärt mir eine Festbesucherin. „Wichtig ist auch das Labkraut. Verheiratete Frauen dürfen noch Eichenlaub hinzufügen. Und der Farn ist ein Zauberkraut – denn es gibt den Glauben, dass der Farn nur in der Mittsommernacht blüht. Wer also Wunder und Zauber erleben will, muss Farn einflechten.“

„Na gut… ich bin nicht verheiratet und habe kein Vieh. Was soll ich tun?“, will ich wissen.

Sie beschwichtigt lachend: „Dann passen alle übrigen Blumen!“

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Voller Stolz auf meinen ersten Blumenkranz – auch wenn er eher ein recht wüstes Gestrüpp ist. ©OST_РОВ

Gar nicht so einfach, das Flechten – mein erster Blumenkranz ist noch ein ziemlich wüstes Gestrüpp. Und ich habe einen Fehler gemacht, erklärt mir Ilze Luig, die mit ihrem deutschen Ehemann Tobias aus Nordrhein-Westfalen angereist ist:

„Ja, da gibt es vieles, aber das darf man eigentlich gar nicht so laut sagen.“

– „Oh, oh?“

„Ja, eine Frau dürfte eigentlich keine Hosen tragen, sondern nur Röcke. Und Unterwäsche ist in dieser Nacht auch nicht erlaubt.“

– „Nicht e r l a u b t? Ich habe nur gehört, dass man dann am Abend gemeinsam die Farnblüte suchen geht.“

„Der Farn, der nur heute Nacht blüht. Ja, richtig.“

– „Und wenn sie den dann finden, dann gibt es neun Monate später eine kleine Belohnung dafür.“

„Nein, nein, aus dem Alter sind wir raus.“

Mittsommer in der sowjetischen Zeit

Farnblüten nennen die Letten scherzhaft Schwangerschaften, die aus den Ereignissen der Mittsommernacht hervorgehen. Das heidnische Brauchtum ging mit diesem Teil des Lebens wesentlich unbefangener um als die Kirche und die Regierung der Sowjetunion, in der es bekanntlich keinen Sex gab.

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Auf der Suche nach der Farnblüte? Ein junges Paar streift an Mittsommer durch die Wiesen. ©OST_РОВ

Ich weiß, dass die Letten eines der letzten Völker sind, die christianisiert wurden in Europa – es hat sich sehr lange ihr heidnischer Glaube gehalten. „Wie haben es die Letten eigentlich geschafft, auch durch die sowjetische Zeit hindurch nie diese Tradition zu verlieren oder zu vergessen?“, frage ich Ilze Luig.

„Gute Frage. Ich glaube, weil wir einfach was Besonderes sind“, meint sie. „Weil wir ein sehr kraftvolles Volk sind. Doch! Diese energetischen Plätze in Lettland – ich finde, das ist etwas ganz Besonderes und dadurch unser Volk auch.“

Dieses Selbstbewusstsein der Letten, das Ilze Luig da beschwört, verspüre ich an diesem Abend überall: Als Festteilnehmer in ihren Kränzen und Trachten die Stelle umkreisen, an der später das Sonnwendfeuer entzündet wird – lächelnd singen sie dabei mantraartige Lieder.

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Vorsängerin und Vorsänger leiten den Kreistanz, bei dem mantraartige Lieder gesungen werden. ©OST_РОВ

Und dann, als nach dem Ritual Folkloregruppen aufspielen und die ganze Wiese Ringelreihen und Reigen zu tanzen scheint.

Fühlt sich die russische Minderheit ausgeschlossen?

Wären da nicht Brillen, Makeup und Smartphones, könnte ich mich in vergangenen Zeiten wähnen. Dabei sind längst nicht nur Anhänger des lettischen Neoheidentums auf dem Fest unterwegs, sondern auch Touristen – und Angehörige der russischen Minderheit im Land. Fühlen sie sich von dem Treiben ausgeschlossen?

„Das ist eine tolle Veranstaltung, die man in seiner Freizeit besuchen kann“, meint ein Besucher. „Ich selbst bin Russe – hier geboren – aber ich weiß, dass das der Feiertag der – wie heißt es noch?“

„Saulgrieži. Sonnwende“, hilft ihm seine Ehefrau nach.

Er selbst komme aus Daugavpils, das näher an der Grenze zu Russland und Belarus liegt, erzählt der Mann dann: „So wie sie hier Ligo am 23. feiern, feiern sie dort Ivan Kupala vom sechsten auf den siebten Juli in Lettgallen. Das ist das gleiche Fest, und da singt man genauso.“

In der Mittsommernacht: Unbedingt wach bleiben!

Die Regel ist ohnehin für alle die gleiche: Wach bleiben – denn wer in dieser Nacht schläft, verschläft das ganze Jahr. Der Sohn von Agnija Saprovska ist aber schon ziemlich müde und kuschelt sich in ihren Schoß, als sie mir von der Bedeutung des Feuers erzählt.

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Agnija Saprovska und ihr Sohn (links im Bild) im Gespräch. ©OST_РОВ

„Während die Sonne untergeht, zündet man Feuer an, damit das Licht nicht endet und die ganze Nacht hindurch leuchtet und die Kraft des Lichts die Dunkelheit besiegt“, sagt sie. […] „Jetzt kommt noch ein Feuerrad. Wenn es den Hang hinunterrollt, wird in diesem Jahr alles gut. Das ist ganz schön aufregend.“

In diesem Jahr gerät das brennende Rad aus der Bahn. Alles springt zur Seite. Schnell wird das Rad gelöscht und die Funken im Gras ausgetreten. Die Feiernden lassen sich die Freude trotzdem nicht verderben und tanzen weiter Reigen bis zur Morgendämmerung.

Über das Lagerfeuer, an dem ich mich mehrmals aufwärme, springt bis zum frühen Morgen allerdings niemand mehr.

Um vier Uhr morgens ist die magische Nacht vorbei. Während im morgendlichen Vogelzwitschern die letzten Lieder verklingen, mache ich mich auf den Weg zum nächstgelegenen Bahnhof – zu Fuß, denn auch die Bus- und Taxifahrer haben Mittsommer gefeiert. Voll mit Eindrücken komme ich im leergefegten Riga an – und verschwinde so schnell ich kann ins Bett.

Der Text erschien als Radiobeitrag im Deutschlandfunk.