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Kyiv is the new Berlin

Wer fünf Jahre nach dem Euromaidan mit etwas Muße durch Kiew spaziert, fühlt sich fast wie in Berlin: Eine Boutique reiht sich an die nächste, an den Wänden humorvolle Street-Art. Aus den Cafés, die außer Avocadotoast auch Borschtsch und Piroggen servieren, dringt Rapmusik. Im Inneren tippen Leute in ihre Apfelgeräte.

Sestry Feldman ©OST_РОВ
Die „Sestry Feldman“, Nicole und Michelle, posieren vor einem ihrer Kunstwerke. ©OST_РОВ

Nicole und Michelle Feldman, ein Künstlerinnen-Zwillingspaar, ist für viele der Wandmalereien in den Vierteln Schewtschenko und Podil verantwortlich. In Berlin waren sie auch schon:

„Wir haben auch dort versucht, Street-Art zu malen. Aber das ist schwieriger als in Kiew. In Kiew herrscht völlige Freiheit, dort muss man vorsichtig sein. Der ungefährlichste Platz war noch hinter dem Berghain.“

Wenn sie nachts in Kiew zum Malen losziehen, kommt nicht selten die Polizei, erzählt Michelle: „Wir rennen nicht weg. Das hat ja keinen Sinn, wenn um uns ein Haufen Farben liegt. Wir warten ruhig, bis sie näherkommen. Dann lächeln wir sie an und reden freundlich mit ihnen, fertig. Sie haben uns noch nie festgenommen.“

Wagemutig und lebensfroh – das neue Kiewer Lebensgefühl

Wagemutig und an manchen Stellen anarchisch, immer aber lebensfroh und optimistisch – so ist das Gefühl der jungen Kiewer Generation fünf Jahre nach der Maidan-Revolution.

„Nach der Revolution haben die Ukrainer verstanden, dass wir was können. Zum Beispiel hätten wir uns nicht vorstellen können, welche Menge an Designern in diesem Land lebt, wie sich zeigte. Sie sind da – und jetzt kann ich mich schon vollständig in ukrainische Mode kleiden“, schwärmt Marusia Jonova von der Band „TseSho“. „Wie voll die Branche jetzt mit talentierten Leuten ist, die ihre Sache echt gut machen!“

Das hat nicht nur Marusia Jonova bemerkt. Selbst Supermodel Bella Hadid trägt mittlerweile Mode von Designern namens Ksenia Schnaider und Ruslan Baginskiy. In der jungen, kulturellen Elite herrscht Aufbruchstimmung, beschreibt Musikerin Maritschka Schtyrbulowa:

„Mancher denkt vielleicht: Ich hatte Pech, dass ich hier und jetzt geboren bin und meine ganze Kraft in dieses Land stecken muss. Aber ich denke, wenn die Mehrheit versteht, dass es auf sie ankommt, dann kommen viele dieser Veränderungen zum Besseren schneller, als wir denken.“

Die junge Avantgarde ist noch immer konservativ

Doch unter einem Wandel zum Besseren stellt sich jeder etwas anderes vor. Roman Tymozko studiert an der Taras-Schewtschenko-Universität und ist mit 21 schon weit gereist, wie sein Instagram-Account verrät. Außerdem leitet die Pressearbeit der größten ukrainischen Pfadfinderorganisation „Plast“, in der schon der ukrainische Nationalist und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera aktiv war.

„Die erste Pflicht jedes Pfadfinders ist es, Gott und der Ukraine ergeben zu sein. Und eine der Regeln ist es, deinem Leiter, deinem Mentor ergeben zu sein“, betont Tymozko.

Roman Tymozko ist Pressesprecher der ukrainischen Pfadfinderorganisation „Plast“. ©OST_РОВ

Auch die ukrainischen Pfadfinder hatten nach dem Maidan Zulauf, sagt er. Schließlich könnten sie bei Plast “soft skills” fürs Leben lernen und Verantwortung für ihr Land übernehmen: „Die größte Verantwortung, die ein Plastun auf sich nehmen kann, ist in den Krieg zu ziehen und sich für die ganze Gesellschaft und die Würde und Freiheit der Ukraine zu opfern.“

Mit seiner Sichtweise ist der 21-Jährige, der sich selbst betont liberal gibt, nicht allein. Die ukrainische Jugend unter 30 ist deutlich konservativer als die deutsche, zeigt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zur „Generation Z“: Freiwilligenbewegungen wie Plast schenken sie mehr Vertrauen als der Politik, in der sie keine Perspektive sehen. Korruption ist für viele ein „notwendiges Übel“ – und längst nicht so verwerflich wie homosexuell zu sein.

Auch Rechtsextremisten haben Zulauf aus der Jugend

Es geht sogar noch konservativer: An einem Wahlkampfstand vor der Metro machen zwei 20-Jährige Werbung für das rechtsextreme „Nationalkorpus“ und seine Blut-und-Boden-Ideologie. Sie haben auch ein klares Frauenbild:

„Wenn sie einen Mann oder Freund hat, darf sie nicht ausgehen oder in irgendwelchen Clubs rumhängen. Sie muss wohlerzogen und anständig sein.“

– „Ihren Wert als Frau, als Vertreterin ihrer Nation haben als zukünftige Ehefrau und Mutter.“

„Nicht trinken, nicht rauchen.“

Igor Guyma und Andrij Schowtjuk vom Nationalkorpus. ©OST_РОВ

Sowohl das rechtsextreme Nationalkorpus als auch die Pfadfinder haben nur etwa 10.000 Mitglieder. Doch die sind gut organisiert und wissen, wie sie auf sich aufmerksam machen – und auch sie blicken nach Europa, in den Westen, wo scheinbar alles besser läuft.

In Kiew existiert jetzt vieles nebeneinander: Underground-Künstlerinnen, Musiker, scheinbar apolitische Pfadfinder und Rechtsextremisten. Sie alle haben derzeit Einfluss auf die Ukraine und träumen von einer positiven Zukunft. Doch wie die aussehen soll, ist längst noch nicht ausgehandelt.

Der Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Kultur.