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30 Jahre Deutsche Einheit: In Russland feiert niemand

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Ein Stück der Berliner Mauer steht heute in Moskau. Kaum einer der Passanten weiß, was es ist. ©OST_РОВ

Am Moskauer Goethe-Institut im Südwesten der russischen Hauptstadt findet der Abendkurs statt. Dozentin Anna Smirnowa spricht mit den Deutschlernerinnen über Flüchtlinge aus der DDR. Sie nutzt die Kursstunden im Herbst gern für Themen rund um die deutsche Wiedervereinigung. Im November 1989 war Smirnowa Studentin an der Staatlichen Linguistischen Unversität Moskau. Sie erinnert sich an die gewagte Aktion eines Kommilitonen:

“Als die Mauer fiel, kam am nächsten Tag ein Mitschüler von mir in den Raum, wo unser Deutschunterricht stattfand, und hat das Porträt von Erich Honecker umgedreht.

So klar war die historische Tragweite der Ereignisse längst nicht allen. Doch auch in der Sowjetunion standen die Zeichen auf Umgestaltung, auf Russisch: „Perestrojka“. Die renommierte Menschenrechtsorganisation Memorial entstand zu dieser Zeit – eine der ersten unabhängigen Bürgerinitiativen Russlands. Mitarbeiterin Irina Scherbakowa forscht seit dieser Zeit zur russischen Erinnerungspolitik.

Sie erinnert sich, dass die Zeit der Umbrüche vielen zunächst Hoffnung machte:

„Für mich war dieser eindeutige Gang zur Demokratisierung und Freiheit […] viel bedeutender als diese Alltagsschwierigkeiten und Entbehrungen. Vor allem, dass man Hoffnung hatte, dass gerade mit diesen Veränderungen, – Reformen, Abschaffung der alleinigen Macht der Kommunistischen Partei – die Situation sich bessern wird, ändern wird. Und ohne dies alles droht uns wirklich politische und damit auch wirtschaftliche Katastrophe.“

Verhältnis zur wiedervereinigten Bundesrepublik war erst unklar

Andere in Russland waren skeptisch – wie die 50-jährige Deutschlernerin Jekaterina Kisseljowa. Als die Mauer fiel, studierte sie an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften, die damals als liberalste Hochschule der Sowjetunion galt.

„Für mich war das etwas Plötzliches und Unerwartetes“, erinnert sie sich. „Ich habe natürlich gewusst: Es existiert eine Deutsche Demokratische Republik, mit welcher wir gute Beziehungen haben – und es gibt Bundesdeutschland, wo für mich damals unklar war, welches Land das ist. Ob es Freund oder Feind ist. Und plötzlich müssen beide deutsche Seiten gemeinsam leben.“

Deutschland habe seit der Wiedervereinigung so viel geschafft, lobt sie. In Russland sei alles ein bisschen langsamer gegangen und das Ergebnis bis heute umstritten.

Während viele in Deutschland Michail Gorbatschow als Wegbereiter der Einheit verehren, ist der letzte Präsident der UdSSR in Russland verrufen: Er habe ein ganzes Imperium dem Zerfall preisgegeben, ohne dafür eine Gegenleistung des Westens auszuhandeln. So sehen das viele und blenden aus, dass die Sowjetunion weder wirtschaftlich konkurrenzfähig noch im Inneren stabil war.

Die Berliner Mauer als Symbol des Kalten Krieges

Auch der Mauerfall hat für die ältere Generation in Russland eine ganz andere Bedeutung, erklärt Irina Scherbakowa von Memorial:

“Das war schon für einige Menschen der Beweis: Wir haben wirklich in diesem Kalten Krieg verloren. Denn die Berliner Mauer war ein Symbol des Kalten Krieges in erster Linie. Nicht deutsch-deutsche Grenze, sondern Grenze zwischen dem sozialistischen Lager und dem Westen.”

Viel präsenter als die Ereignisse in Deutschland sind den meisten Russen die brutalen Umbrüche der Neunzigerjahre, mit deren Folgen sie bis heute leben: Turbokapitalismus, Oligarchenfehden, Arm gegen Reich. Selbst junge Leute, die die Wende nur aus Schulbüchern kennen, wünschen sich deshalb manchmal die Sowjetunion zurück – als eine Zeit politischer Weltgeltung und sozialer Gleichheit.

Aber nicht alle denken so. Die 23-jährige Polina Chorychina etwa sieht in der Wiedervereinigung eine Lehre. “Jetzt leben wir in einer globalisierten Welt und versuchen, neue Wege zu finden. Wichtig ist, dass wir das nicht nur allein, sondern zusammen machen“, sagt sie. „Man muss auch sich wiedervereinigen in gewissem Sinne. Man muss Kraft finden, um einander zu verstehen und miteinander zu kommunizieren. Um diese Brücke zu schaffen – vielleicht nicht nur im Inneren Deutschlands, im Inneren des Landes, sondern auch zwischen verschiedenen Kulturen, zwischen verschiedenen Ländern.”

Sie selbst, sagt Chorychina, würde gern ihr Kunststudium in Deutschland fortsetzen und das Mauermuseum in Berlin besuchen. Im Osten Deutschlands ist sie bislang noch nie gewesen.

Der Text erschien als Radiobeitrag auf NDR Kultur.